Direkt zum Hauptbereich

Samantha Harvey: The Western Wind

The Western Wind ist ein Buch, über das ich noch lange nachgedacht habe. 

Roman // Vintage // 2018
Paperback // 298 Seiten // 8,99 Pfund

Es spielt im 15. Jahrhundert in Oakham, einer hundert Seelen Gemeinde in Sommerset. Die nächst größere Stadt ist Bourne, aber Oakham ist ein einsamer, von einem wilden Fluss abgeschnittener, rückständiger Ort. Zwei Versuche eine Brücke über den Fluss zu bauen und Oakham mit der Welt zu verbinden, sind schon gescheitert. Die abergläubischen Dorfbewohner beginnen zu glauben, dass Gott keine Brücke will. Während die anderen Orte zu prosperieren beginnen, setzt der Landlord Townshend von Oakham wider dem Rat des Pfarrers auf Milchwirtschaft. Und wird immer ärmer, genauso wie der ganze Ort. Als am Karnevalsamstag ein toter Mann im Fluss treibend gesehen wird, scheint das Schicksal des Ortes besiegelt. Denn Thomas Newmann, ein reicher Mann aus dem Ort, dem alle zu Dank verpflichtet sind, ist verschwunden.

Der Dean, Vorgesetzter des Pfarrers, erscheint in Oakham, um den Tod zu untersuchen. Und auch dem Dean kommt Oakham wie ein Ort voller Wilder und Ausgestoßener vor, quasi der Vorplatz zur Hölle. Samantha Harvey erzählt die Geschichte aus der Sicht des Pfarrers John Reve, der selber auch die Hauptperson ist. Denn der Dean hat klar gemacht, bis Aschermittwoch muss ein Schuldiger gefunden werden und der muss brennen.

Das Buch beginnt am Karnevaldienstag, Pancake Day oder Shrove Tuesday in England. Am Morgen taucht die Leiche zum zweiten Mal auf, Henry Carter sieht sie im Fluß. Er weckt den Pfarrer, der im Beichtstuhl eingeschlafen ist, um ihn zum Fluß zu holen. Vielleicht gelingt es doch noch dem Toten die letzte Salbung zu geben und ihm so den Weg hinüber zu erleichtern. Als die beiden am Fluß ankommen, ist die Leiche verschwunden, nur Newmanns T-Shirt hängt verfangen an einem Baum im Wasser. Harvey erzählt die Geschichte dann rückwärts bis zum Karnevalssamstag und der Leser bekommt immer mehr Einblicke in das Leben und die Gebräuche der Dorfbewohner. Das ist sehr geschickt gemacht und gar nicht so einfach: wenn der Pfarrer z.B. über die Ergebnisse am Dienstag berichtet, weiss er natürlich schon, was die vorangegangen Tage passiert ist, darf aber keinen Bezug darauf nehmen. So klärt sich zwar am Ende der Tod des Thomas Newmann, nicht aber wie es weiter geht, da das erste Kapitel des Buches am Abend des Karnevaldienstag endet.

In die spannende Geschichte hat Harvey die religiöse Auseinandersetzung zwischen den Freunden und geistigen Rivalen Thomas Newmann und Pfarrer John Reve eingeflochten. Reve unterliegt noch ganz dem strengen katholischen Denken. Als große Erneuerung hat er jedoch den Beichtstuhl eingeführt. Während vorher die Beichtenden/Bekennenden vor seinen Füssen knien mussten und die ganze Gemeinde die Beichte mitanhören konnte, verleiht der improvisierte Beichtstuhl wenigstens etwas Anonymität. Newmann, der von einer Pilgereise nach Rom zurückkam, brachte die Idee des Beichtstuhls mit. Gleichzeitig jedoch auch ketzerisches Gedankengut, da er jetzt glaubt, dass es zwischen dem Gläubigen und Gott nicht eines Pfarrers der Vermittlung bedarf. Jeder könne sich unmittelbar an Gott wenden.

Mit The Western Wind Harvey ist eine packende und wilde Zeitreise ins Mittelalter gelungen, in der es um Tod und Leben geht.


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Andreas Lehmann: Schwarz auf Weiss

Wieder hat der Karl Rauch Verlag es geschafft mich bereits mit der Cover-Gestaltung zu überzeugen. Ich wünschte alle meine Bücher würden so aussehen! Karl Rauch Verlag // 2021 176 Seiten // 20,00 Euro // Hardcover Als Martin Oppenländer erkennt wie sinnlos und monoton seine Arbeit letztlich ist, will er nicht länger von ihr abhängig sein. Kurzerhand macht er sich selbstständig. Doch die erhoffte Freiheit stellt sich nicht ein als die Welt auf einmal still steht. Da keine Aufträge hereinkommen, bleibt er in der Abhängigkeit, doch dieses mal nicht von einem Arbeitgeber, sondern vom Staat. Sein Leben scheint komplett aus den Fugen geraten zu sein, ohne Alltag mit einem Job, den er nicht ausüben kann. In dieses Chaos hinein erreicht ihn ein Anruf aus der Vergangenheit - von einer Frau, an die er sich nicht mehr erinnern kann. Als Martin ihr dies gesteht, ist sie zunächst nicht sonderlich erbaut darüber. Trotzdem ruft sie wieder an. Und während er versucht ein Bild von dieser Frau zusammen

Miika Nousiainen: Quality Time

Ein sehr realitätsnaher, witziger Roman, in dem Toleranz gelebt wird und nicht mit der Moralkeule eingefordert. Sami, Markus, Asta, Nojonen, Hanna; fünf Menschen in Helsinki geben uns einen Einblick in ihre gegenwärtige Lebenssituation und Gefühlswelt. Sie sind eng miteinander verbunden, teils Freunde, teils Geschwister, und Asta ist die Mutter von Sami und Hanna.  Miika Nousiainen: Quality Time Roman // Original: Pintaremontti  Kein & Aber // 2021 // Übersetzt aus dem Finnischen von Elina Kritzokat  336 Seiten // 22,00 Euro // Harcover Miika Nousianinen erzählt aus der Ich-Perspektive des jeweiligen Protagonisten, von Hannas unerfüllten Kinderwunsch, Samis vergeblichen Versuchen die Frau fürs Leben und zur Familiengründung zu finden und von Markus Problemen als alleinerziehender Vater zwei kleiner Töchter. Nojonen hat immer nur seine Eltern gepflegt, erst den Vater, dann die Mutter. Nach deren Tod fällt er in ein tiefes Loch. Asta hat lange unter ihrem herrischem Ehemann gelitten

Nausikaa Lenz: Baro

[Roman] Die Gesellschaft der Unsterblichen wird von einem mysteriösen Gift bedroht. Ein Unsterblicher kann - wie sein Name bereits besagt - nicht sterben, sein Körper erholt sich selbst von tödlichen Verletzungen, so dass er nach kurzer Zeit wieder zum Leben erwacht. Doch das Gift scheint das Blut der Unsterblichen zu verdicken, sodass er praktisch lahmgelegt wird und er sich nicht von Verletzungen erholen kann. Wen könnte der Rat entsenden, um dem Gift auf den Grund zu gehen, wenn nicht Baro, den Dämon? Baro ist älter als die Menschheit selbst und Mitbegründer des Rates der Unsterblichen. Nachdem er von seiner Kontrahentin Serena einen versteckten Hinweis erhalten hat, macht er sich gemeinsam mit seinen Freunden Robert und Dorian auf den Weg zu einer Kirche in Neapel. Doch die drei Unsterblichen reisen nicht alleine nach Rom. Durch unglückliche Zustände begleitet sie Christa, eine Sterbliche.