Original: L`Ordre du jour // 2017
Matthes&Seitz Berlin // 2018 // Aus dem Französischen von Nicola Denis
128 Seiten // 18 Euro // gebunden mit Schutzumschlag
In seinem in Frankreich preisgekrönten Buch Die Tagesordnung schildert Eric Vuillard den Aufstieg der Nationalsozialisten. Die Vorleser haben den in Berlin lebenden Privatgelehrten Ernesto vom Butzelwald, dessen Spezialgebiet die Geschichte der Neuzeit ist, um eine kurze Rezension gebeten:
Eric Vuillard "Die Tagesordnung" - eine gelungene Provokation !
Auf 118 Seiten stellt Eric Vuillard die Geschichte des Aufstiegs der Nationalsozialisten als eine Melange auf Bluff, Schauspielerei drittklassiger Akteure und Inkompetenz der Gegner dar, der von der deutschen Wirtschaftselite finanziert wurde. Er focussiert sich dabei auf drei Ereignisse: den Empfang von 24 deutschen Wirtschaftsbossen am 20. Februar 1933 in Berlin, den Anschluss Österreichs 1938 und die Schilderung der britischen Appeasementpolitik mit den britischen Protagonisten Neville Chamberlain und Lord Halifax.
Im Gegenzug zu Hitlers Zusicherung, die sozialistische Gefahr zu bannen, erklären sich die deutschen Wirtschaftsbosse bereit, den letzten Wahlkampf der Nationalsozialisten im März 1933 zu finanzieren. Hjalmar Schacht fordert sie auf: "Und nun meine Herren, an die Kasse!". Beim Anschluss Österreichs schildert Vuillard die Unterredung des Österreichischen Bundeskanzlers Schuschnigg mit Hitler auf dem Obersalzberg, das Lamento der österreichischen Eliten bis sie sich endgültig bereit erklären, die Macht an die Nazis abzugeben. Der Einmarsch der Deutschen Wehrmacht, in der Wochenschaupathetisch gefeiert, gerät zu einem Verkehrschaos als haufenweise deutsche Panzer kurz nach Überschreiten der Grenze liegen bleiben. Um die Briten aufs Korn zu nehmen, beschreibt Vuillard ein Abendessen, das der britische Premierminister zu Ehren des scheidenden deutschen Botschafters Joachim von Ribbentrop gibt, der als Aussenminister nach Berlin wechselt.
Das Buch ist flüssig geschrieben, man kann es in einem Rutsch durchlesen, man spürt die beklemmende Atomsphäre beim Treffen der Industriekapitäne und fühlt sich durch das endlose Geschwafel Ribbentrops unmittelbar selbst belästigt.
Vuillard ist eine glänzende Provokationsschrift gelungen, mit der er die Diskussion über das "Wie konnte das geschehen?" wieder belebt. Bewußt hat er die drei Ergebnisse gewählt, dabei ist nicht ihre historische Bedeutung entscheidend, sondern er wählt Vorfälle. die bisher nicht im Focus der Geschichtsschreibung standen, und sich besser für die Unterlegung seine These von Dilettantismus und Pleiten, Pech und Pannen eignen.
Der Grundstein für die gute Beziehung zwischen Nazis und Industrie legte Hitler bereits mit seiner Rede im Düsseldorfer Industrie Club vom 26. Januar 1932 und nicht erst im Februar 1933. Der größte Blut des Hasardeurs Hitler war der Einmarsch der Wehrmacht in das entmilitarisierte Rheinland am 7. März 1936. Hätte die französische Armee reagiert, so hätte sich - was Hitler bewußt war - die weit unterlegene Wehrmacht mit Schimpf und Schande zurückziehen müssen. Dagegen fiel das von jahrzehntelangen Kontroversen zwischen dem roten Wien und dem katholisch nationalistischen Rest erschütterte Österreich Hitler wie eine reife Frucht in den Schoss. Der entscheidende Meilenstein für die britische Appesaementpolitik war die Münchner Konferenz.
Auch die Auswahl der geschilderten nationalsozialistischen Führungspersönlichkeiten mit dem ehemaligen Schaumweinvertreter von Ribbentrop und "Hitlers Anschluss-Marionette" Seyß-Inquart trifft Vuillard bewußt. Auch der obligate Feldmarschall Keitel, Spitzname Lakeitel, darf nicht fehlen. Bei der Schilderung Görings schummelt Vuillard freilich. Göring war 1933 noch nicht der morphiumsüchtige operettenuniformtragende Versager der Kriegsjahre, sondern leistete als preußischer Ministerpräsident einen wesentlichen Beitrag zur Etablierung des Terrorregimes. Und natürlich weiß Vuillard, dass der von ihm durch den Panzerstau nach dem Anschluss diskreditierte Schöpfer des deutschen Panzerwaffe Guderian nicht nur ein Plagiator war, sondern dass die deutschen Panzer entscheidend für die deutschen Erfolge zu Beginn des Krieges waren.
Alles in allem eine gelungene Provokation !
Matthes&Seitz Berlin // 2018 // Aus dem Französischen von Nicola Denis
128 Seiten // 18 Euro // gebunden mit Schutzumschlag
In seinem in Frankreich preisgekrönten Buch Die Tagesordnung schildert Eric Vuillard den Aufstieg der Nationalsozialisten. Die Vorleser haben den in Berlin lebenden Privatgelehrten Ernesto vom Butzelwald, dessen Spezialgebiet die Geschichte der Neuzeit ist, um eine kurze Rezension gebeten:
Eric Vuillard "Die Tagesordnung" - eine gelungene Provokation !
Auf 118 Seiten stellt Eric Vuillard die Geschichte des Aufstiegs der Nationalsozialisten als eine Melange auf Bluff, Schauspielerei drittklassiger Akteure und Inkompetenz der Gegner dar, der von der deutschen Wirtschaftselite finanziert wurde. Er focussiert sich dabei auf drei Ereignisse: den Empfang von 24 deutschen Wirtschaftsbossen am 20. Februar 1933 in Berlin, den Anschluss Österreichs 1938 und die Schilderung der britischen Appeasementpolitik mit den britischen Protagonisten Neville Chamberlain und Lord Halifax.
Im Gegenzug zu Hitlers Zusicherung, die sozialistische Gefahr zu bannen, erklären sich die deutschen Wirtschaftsbosse bereit, den letzten Wahlkampf der Nationalsozialisten im März 1933 zu finanzieren. Hjalmar Schacht fordert sie auf: "Und nun meine Herren, an die Kasse!". Beim Anschluss Österreichs schildert Vuillard die Unterredung des Österreichischen Bundeskanzlers Schuschnigg mit Hitler auf dem Obersalzberg, das Lamento der österreichischen Eliten bis sie sich endgültig bereit erklären, die Macht an die Nazis abzugeben. Der Einmarsch der Deutschen Wehrmacht, in der Wochenschaupathetisch gefeiert, gerät zu einem Verkehrschaos als haufenweise deutsche Panzer kurz nach Überschreiten der Grenze liegen bleiben. Um die Briten aufs Korn zu nehmen, beschreibt Vuillard ein Abendessen, das der britische Premierminister zu Ehren des scheidenden deutschen Botschafters Joachim von Ribbentrop gibt, der als Aussenminister nach Berlin wechselt.
Das Buch ist flüssig geschrieben, man kann es in einem Rutsch durchlesen, man spürt die beklemmende Atomsphäre beim Treffen der Industriekapitäne und fühlt sich durch das endlose Geschwafel Ribbentrops unmittelbar selbst belästigt.
Vuillard ist eine glänzende Provokationsschrift gelungen, mit der er die Diskussion über das "Wie konnte das geschehen?" wieder belebt. Bewußt hat er die drei Ergebnisse gewählt, dabei ist nicht ihre historische Bedeutung entscheidend, sondern er wählt Vorfälle. die bisher nicht im Focus der Geschichtsschreibung standen, und sich besser für die Unterlegung seine These von Dilettantismus und Pleiten, Pech und Pannen eignen.
Der Grundstein für die gute Beziehung zwischen Nazis und Industrie legte Hitler bereits mit seiner Rede im Düsseldorfer Industrie Club vom 26. Januar 1932 und nicht erst im Februar 1933. Der größte Blut des Hasardeurs Hitler war der Einmarsch der Wehrmacht in das entmilitarisierte Rheinland am 7. März 1936. Hätte die französische Armee reagiert, so hätte sich - was Hitler bewußt war - die weit unterlegene Wehrmacht mit Schimpf und Schande zurückziehen müssen. Dagegen fiel das von jahrzehntelangen Kontroversen zwischen dem roten Wien und dem katholisch nationalistischen Rest erschütterte Österreich Hitler wie eine reife Frucht in den Schoss. Der entscheidende Meilenstein für die britische Appesaementpolitik war die Münchner Konferenz.
Auch die Auswahl der geschilderten nationalsozialistischen Führungspersönlichkeiten mit dem ehemaligen Schaumweinvertreter von Ribbentrop und "Hitlers Anschluss-Marionette" Seyß-Inquart trifft Vuillard bewußt. Auch der obligate Feldmarschall Keitel, Spitzname Lakeitel, darf nicht fehlen. Bei der Schilderung Görings schummelt Vuillard freilich. Göring war 1933 noch nicht der morphiumsüchtige operettenuniformtragende Versager der Kriegsjahre, sondern leistete als preußischer Ministerpräsident einen wesentlichen Beitrag zur Etablierung des Terrorregimes. Und natürlich weiß Vuillard, dass der von ihm durch den Panzerstau nach dem Anschluss diskreditierte Schöpfer des deutschen Panzerwaffe Guderian nicht nur ein Plagiator war, sondern dass die deutschen Panzer entscheidend für die deutschen Erfolge zu Beginn des Krieges waren.
Alles in allem eine gelungene Provokation !
Für das Rezensionsexemplar danken wir:
Matthes und Seitz Berlin
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