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Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses

Roman // Original: Three Daughters of Eve // 2016
Kein & Aber Pocket // 2017 // Aus dem Englischen von Michaela Grabinger
560 Seiten // 16,00 Euro // Taschenbuch


Elif Shafak gehört zu den bekanntesten türkischen Schriftstellerinnen, die auch im Ausland große Anerkennung genießt. Mit ihrem Roman "Der Bastard von Istanbul" von 2006 entfachte eine große Debatte in der Türkei. So stand Shafak der türkischen Regierung auch weiterhin kritisch gegenüber. In ihrem neuen Roman "Der Geruch des Paradieses" setzt sich Shafak erneut mit einem hochaktuellen Thema für die türkische Gesellschaft, aber auch für die westliche Welt auseinander. Es geht um Glauben und Identität und das Gefühl nie ganz zu genügen und ständig von Zweifeln geplagt zu sein.


Seit ihrer Kindheit steht Peri zwischen zwei Stühlen. Ihr Vater versteht sich als moderner Türke und hinterfragt die Existenz Allahs. Mensur trinkt Raki, isst Schweinefleisch und hält sich auch sonst nicht an die Vorschriften des Korans. Ihre Mutter Selma hingegen ist streng gläubig und Mitglied eines religiösen Zirkels mit strengen Ansichten. Während der Vater Bilder vom Nationalhelden in allen Räumen aufhängt, verbannt die Mutter alle Dinge aus dem Haushalt, die auch nur ansatzweise mit Schweinefleisch oder Gelatine in Berührung gekommen sein könnten. Peris Brüder schlagen sich schnell auf eine Seite - Hakan steht tiefreligiös seiner Mutter bei, Umut teilt als Marxist die Meinung seines Vaters. Nur Peri, die Nachzüglerin der Familie, kann und will sich nicht entscheiden, wodurch sie kein richtiges Verhältnis zu Allah und der Religion schaffen kann. Unsicherheit und Zweifel begleiten sie.

Mensur insistiert seit Peris Kindheit, dass Bildung der Schlüssel für die Zukunft ist und kann sich gegen Selma in diesem Punkt durchsetzen. So geht Peri nach ihrem Abitur nach England, um in Oxford zu studieren. Doch auch dort scheinen die Zweifel sie zu verfolgen, denn statt ihren Eltern treten nun die gläubige, Kopftuch tragende Muslima Mona und die überzeugte Atheistin Shirin in ihr Leben und der Streit über Gott geht weiter. Um endlich eine Antwort zu bekommen, nimmt Peri am Seminar vom umstrittenen Professor Azur teil. Doch dies scheint sie nur noch mehr aus den Gleisen zu bringen. 2016, 15 Jahre später, lebt Peri mit ihrem Mann und ihren Kindern in Istanbul. Auf dem Weg zu einer Dinnerparty wird Peris Tasche gestohlen und bei der Auseinandersetzung mit dem Dieb fällt ihrer Tochter ein altes Polaroid Foto aus der Zeit von Oxford in die Hände. Während der Dinnerparty hängt Peri ihren Gedanken nach und sie hat plötzlich das Bedürfnis nochmals mit ihrer alten Freundin zu sprechen.
Während des Abends gibt es in Istanbul erneut einen Anschlag und die Party-Gäste scharen sich um den Fernseher. Bei der Diskussion fielen Worte, die mich tief beeindruckt haben:

"Schlimm ist nicht nur der Terrorismus mit all seinem Schrecken", sagte Adnan, "schlimm ist auch, wie schnell wir uns an solche Nachrichten gewöhnen. Morgen um diese Zeit wird kaum mehr jemand von dem Lehrer sprechen, und in einer Woche ist er vergessen."

Doch das sind nicht nur die einzigen berührenden Worte, die Shafak für ihr Land findet. Der Geruch des Paradieses ist ein Roman voller Zweifel und Unsicherheit, der in der Türkei spielt, aber auch auf andere Länder übertragbar ist. Auch in unserer Gesellschaft gibt es immer wieder Debatten über Religion. Fragen wie weit die Religion zu unserem Staat gehört, oder wie die "deutsche Identität" tatsächlich aussieht, bleiben unbeantwortet.
Ich möchte meinen Beitrag mit einem Eintrag in Peris Gottes-Tagebuch beenden:

Gibt es keine andere Möglichkeit, keinen anderen Raum für Dinge, die weder in den Bereich des Glaubens noch in den der Ungläubigkeit fallen, die weder reine Religion noch reine Vernunft sind? Einen dritten Weg für Menschen wie mich? Für Menschen, die sich in solche Dualitäten nicht einordnen wollen, weil sie ihnen zu starr sind? Manchmal habe ich das Gefühl, auf der Suche nach einer flüchtigen Sprache zu sein, einer einsamen Sprache, die nur ich allein spreche...


Für das Rezensionsexemplar danken wir:

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