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Marzio G Mian: Die neue Arktis. Der Kampf um den hohen Norden

Sachbuch // Original: Artico. La battaglia per il Grande Nord (2018) 
Folio Verlag // 2019 // aus dem Italienischen von Christine Ammann 
168 Seiten // 22,00 Euro // gebunden mit zahlreichen Karten und Farbabbildungen 

   Zehn Jahre lang ist Marzio Mian durch den hohen Norden gereist und präsentiert mit Die neue Arktis. Der kämpf um den hohen Norden seine Ergebnisse aus zahlreichen Gesprächen mit Einwohnern, Offiziellen und Firmmonopolen. Ausgangspunkt ist der Klimawandel und die damit einhergehende Erderwärmung. Das Eis schmilzt, was nicht nur Wissenschaftler beunruhigt sondern auch unzählige Menschen auf die Straßen treibt. Doch es gibt auch Parteien, die mit der klimatischen Veränderung neue wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnet sehen. Durch das Abschmelzen werden Bodenschätze leichter zugänglich und viele Häfen sind nur noch selten zugefroren, was neue Handelsrouten eröffnet.

Die Arktis ist zur Marke geworden. Die fragile, angeschlagene Welt, die immer weniger ein ist, wurde statt zur Mahnung zum neuesten Schrei der Exotik, zur Wildnis vor der Haustür, den Bilderwelten und Kräften des Marktes anheimgegeben. 

   Diese wirtschaftlichen Interessen ziehen auch politische Fragen mit sich. Denn um an den wirtschaftlichen Profit gelangen, muss das Land erst ein mal für sich beansprucht werden. Doch wem gehört der Nordpol oder gilt hier die normaler Regel über 200 Seemeilen als territoriale Grenze? Ich möchte keinesfalls Panik heraufbeschwören, aber nicht nur Russland ist fest davon entschlossen den nach ihrer Meinung ihnen gehörenden Teil zu verteidigen. So rüsten die Arktismächte munter auf und  errichten Verstecke für ihre Atomwaffen. Russland war das erste Land, das den Wert des hohen Nordens erkannte und daher einen Industriestandpunkt im Norden errichteten. Mit fatalen Folgen:
Die grellen Farben von Norilsk, der kältesten, umweltbelasteten Stadt Russlands, sind ein Halluzinogener Trip. [...] Schon nach wenigen Stunden fühlen wir uns benommen, immer wieder werden wir von Hustenanfällen geschüttelt. Sie könnten, sagen uns die Leute, die Abgase am Geschmack erkennen, "bei Kupfer schmeckt es süß, bei Nickel scharf und bitter". 

   Das soll jedoch keine ausschließliche Anschuldigung an Russland sein, das gleiche kann in Grönland gesehen, wo eine große Mine geplant ist. Genauso gut können wir uns fragen, woher Norwegen, die bis 2025 auf Elektroautos umgestiegen sein wollen, an seinen Wohlstand gekommen sind. Im Barentssee liegt die nördlichste Erdölplattform, die von einem italienischen Konzern betrieben wird. Wenn dort ein Unglück geschehen sollte, war laut Mian die Erdölkatastrophe 2010 am Golf von Mexiko ein kleiner Zwischenfall.


   Dieses Buch hat mir mal wieder die Augen geöffnet. Statt eine so einzigartige Gegend zu erhalten und zu schützen, sucht der Mensch skrupellos nach noch schnelleren Wegen zum Wohlstand. Aber uns kann es doch egal sein, wie die Welt in 50 Jahren aussieht, wenn wir uns heute alle Luxusgüter, die wir begehren, leisten können? Rücksichtslos der Gegenwart, der Natur und der Zukunft gegenüber bedrohen wir nicht nur Tierarten und sehen dabei zu wie Eisbären aufgrund des schwindenden Packeises der Lebensraum genommen wird.
Unter den indigenen Völkern der Arktis ist die Selbstmordrate bei Jugendlichen am höchsten. Ich würde mich als ein Stadtkind bezeichnen, doch auch ich habe häufig Unverständnis für die heutige Menschheit und unseren anscheinend bestehenden Selbstzerstörungsdrang. Wie soll es dann einem oder einer Jugendlichen gehen, die Tag für Tag mit ansehen muss wie ihr die Heimat, Kultur und letztendlich ihre Identität genommen wird? Wie sollen diese jungen Menschen einen Platz in dieser Welt für sich sehen?

Denn die Arktis ist weder unbewohnt noch ewig oder zeitlos. Hinter dieser Vorstellung verbirgt sich vielmehr unser Bedürfnis nach dem Anderem, unsere Hoffnung auf einen anderen Ort, eine Zuflucht aus der Gegenwart, eine letzte Welt, die uns vor dem autistischen Chor einer durchtechnologisierten Gesellschaft bewahrt. Wir träumen gern von einem gesichtslosen Ort, an dem alles seit jeher so war, von einem vergletscherten Winkel am Rande der Welt, makellos, ursprünglich und rein.

   Alle diese Fakten präsentiert Marzio Mian dem Leser derart, dass man vergisst ein Sachbuch zu lesen. Ich habe Seite für Seite verschlungen und in meinem Kopf setzten sich Teil für Teil ein großes Puzzle zusammen. Ich habe mich gefragt, "wie konnte ich das alles nicht wissen?", doch woher hätte ich es auch erfahren sollen. Marzio Mian erzählt seinem Leser von der Realität, von dem Kampf und den wirtschaftlichen sowie politischen Konflikten. Es gibt niemanden, dem ich dieses Buch nicht empfehlen würde. Denn auch wenn wir nicht in Grönland wohnen und zusehen müssen wie täglich die Eisklippe abschmilzt - es geht uns alle etwas an.
Der Folio Verlag hat auch einen kleinen Buchtrailer gemacht, in dem ihr schon einen kleinen Einblick in die beeindruckenden Fotos von Nanni Fontana bekommt. Den Trailer könnt ihr hier auf der Seite des Folio Verlags sehen.

Wir danken dem Folio Verlag für das Rezensionsexemplar.


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