Direkt zum Hauptbereich

Devi & Ivanov: SCHOCKFROST

Mein Sommer war arbeitsintensiv und voller unterschiedlichster Bücher. Krimis und Thriller waren auch einige darunter, aber einer stach heraus, vielleicht auch, weil er aus der Schweiz ist. Nein, es hat nichts mit Banken und schwarzen Konten zu tun, sondern mit Fragen, denen wir uns alle in irgendeiner Form einmal stellen. Und es ist ein gut gemachter Thriller, mit der leicht exotischen Note, die die Schweizerische Hochsprache für uns andere Deutschsprachige immer bereithält:

Devi & Ivanov: SCHOCKFROST
Thriller // Unionsverlag // 2017
288 Seiten // 19 Euro // Englische Broschur

© http://www.unionsverlag.com/info/title.asp?title_id=7714


Sarah und Kaspar waren einmal ein Paar. David, der Dave genannt werden will, ist ihr 15-jähriger Sohn. Eine solche Familiensituation klingt allzu vertraut und doch ist hier gleich von Beginn an einiges anders: Sarah und Kaspar haben denselben Beruf, Psychiater, haben früher zusammengearbeitet, bis es nicht mehr ging. Zu unterschiedlich sind die Positionen, die sie vertreten: Ab welchem Punkt führt Hilfe zu einer schrittweisen Entmündigung? Ab welchem Punkt wird ein Mensch für sich und andere gefährlich? Wann ist Kontrolle unabdingbar und wann beginnt Paranoia?
Schon die ersten Seiten dieses Thrillers führen in verstörende Szenen, die klarmachen, dass Normalität von jedem als etwas anderes empfunden wird. Sarah, die Praxis, Kind, die Wochenendbesuche der geliebten behinderten Schwester im Rollstuhl und eine zart startende neue Liebesbeziehung unter einen Hut zu bringen versucht, erreicht schnell ihr Limit. Ihr Alltag gerät aus dem Trott. Es kann nicht nur die Pubertät Daves sein, am Kontrollwahn ihres Ex, dem neuen Therapeuten, der die leer stehende Praxis in ihrem Haus gemietet hat, liegen. Till, der Mann, in den sie sich verliebt hat, agiert als Helfer in der Not, als auch noch ein schwieriger Patient alles verkompliziert, und Dave zu lügen beginnt.
Rasant führen Mitra Devi und Petra Ivanov auf einen unerwarteten Höhepunkt zu. Denn der Leser wird gleichzeitig mit einem Drama konfrontiert, das nur zwei Jahre zurückliegt, das nichts mit Sarah zu tun hat und das trotzdem ihre Zukunft beeinflussen wird.
Doppelautorenschaften sind oft spannend, schon allein, wenn man sich den Arbeitsprozess vorzustellen versucht. In diesem Fall erwartet uns ein spezielles Vergnügen: Die Schweizerinnen Mitra Devi und Petra Ivanov sind gut eingeführt in der Krimiszene, sie haben jede für sich eine besondere Stimme entwickelt und eine persönliche Vorliebe für einen Schwerpunkt. Und trotzdem haben sie es geschafft, einen Roman zu schreiben, in dem es keine Brüche gibt, keine verräterischen Übergänge. Dazu kommt für Nichtschweizer das Idiom, das sprachliche Eigenheiten wunderbar pflegt und so den Leserblick auf die Vielfalt der deutschen Hochsprachen lenkt.

Das Thema, das den Thriller prägt, ist die Moral bzw. Scheinmoral, mit der die Gesellschaft mit psychischen Kranken umgeht. Das ist in der Schweiz genauso wie anderswo – und wäre schwere Kost, wenn es nicht so gut dargestellt würde wie in diesem Band. Alle Figuren haben Stärken und Schwächen, keiner erscheint als Held. Bis auf Till, der als unabhängiger Künstler anderen Arbeitsregeln folgt, könnten alle Charaktere wir selbst sein, erleichtert vermutlich, nicht Sarahs Last schultern zu müssen, mit Verständnis für die Positionen aller, auch Kaspars, auch der geschilderten Patienten. Wegen dieser Stärke geht der Roman so unter die Haut. Denn die heile Welt der Schweiz ist natürlich genauso schadhaft wie unsere. Und selten werden komplexe Zusammenhänge so gut aufgefächert und mithilfe von Krimifiktion so gut dargestellt wie hier.
Wer sich also mit einem schwierigen Thema auseinandersetzen und gleichzeitig wirklich spannend unterhalten werden möchte, ist mit „Schockfrost“ gut bedient.


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Andreas Lehmann: Schwarz auf Weiss

Wieder hat der Karl Rauch Verlag es geschafft mich bereits mit der Cover-Gestaltung zu überzeugen. Ich wünschte alle meine Bücher würden so aussehen! Karl Rauch Verlag // 2021 176 Seiten // 20,00 Euro // Hardcover Als Martin Oppenländer erkennt wie sinnlos und monoton seine Arbeit letztlich ist, will er nicht länger von ihr abhängig sein. Kurzerhand macht er sich selbstständig. Doch die erhoffte Freiheit stellt sich nicht ein als die Welt auf einmal still steht. Da keine Aufträge hereinkommen, bleibt er in der Abhängigkeit, doch dieses mal nicht von einem Arbeitgeber, sondern vom Staat. Sein Leben scheint komplett aus den Fugen geraten zu sein, ohne Alltag mit einem Job, den er nicht ausüben kann. In dieses Chaos hinein erreicht ihn ein Anruf aus der Vergangenheit - von einer Frau, an die er sich nicht mehr erinnern kann. Als Martin ihr dies gesteht, ist sie zunächst nicht sonderlich erbaut darüber. Trotzdem ruft sie wieder an. Und während er versucht ein Bild von dieser Frau zusammen

Nausikaa Lenz: Baro

[Roman] Die Gesellschaft der Unsterblichen wird von einem mysteriösen Gift bedroht. Ein Unsterblicher kann - wie sein Name bereits besagt - nicht sterben, sein Körper erholt sich selbst von tödlichen Verletzungen, so dass er nach kurzer Zeit wieder zum Leben erwacht. Doch das Gift scheint das Blut der Unsterblichen zu verdicken, sodass er praktisch lahmgelegt wird und er sich nicht von Verletzungen erholen kann. Wen könnte der Rat entsenden, um dem Gift auf den Grund zu gehen, wenn nicht Baro, den Dämon? Baro ist älter als die Menschheit selbst und Mitbegründer des Rates der Unsterblichen. Nachdem er von seiner Kontrahentin Serena einen versteckten Hinweis erhalten hat, macht er sich gemeinsam mit seinen Freunden Robert und Dorian auf den Weg zu einer Kirche in Neapel. Doch die drei Unsterblichen reisen nicht alleine nach Rom. Durch unglückliche Zustände begleitet sie Christa, eine Sterbliche.

Dorothée Albers: Nachhall einer kurzen Geschichte

Das Buch hält, was das Cover verspricht. Nachhaltigkeit einer kurzen Geschichte ist ein durch und durch musikalischer Roman. In drei Teile unterteilt, erzählt Dorothée Albers von einer Musikerfamilie.  Roman // Original: Zeemansgraf voor een kort verhaal (2018) Karl Rauch Verlag // 2020 // aus dem Niederländischen von Ulrich Faure 286 Seiten // 22 Seiten // gebunden mit Lesebändchen Beginnend mit Jet, einer Klavierstudentin. Ihre Eltern sind sehr religiös und von ihrem Traum, eine Pianistin zu werden, nicht gerade begeistert. Zu groß ist die Angst vor den schlechten Einflüssen der Musikszene. So erzählt Jet ihren Eltern auch nicht von dem Cellostudenten Zev, dem sie eines Tages vor der Musikschule begegnet. Gemeinsam spielen sie in einem Quartett und nehmen sogar eine Platte auf. Als Jet ungewollt schwanger wird, muss sie bis zur Entbindung in ein Kloster. Sie ignoriert Zeus Briefe und er geht nach Amerika. Jet wird eine gefeierte Pianistin mit Mann und Kind. Während ihre Tochter