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Beatrix Kramlovsky: Die Lichtsammlerin

Roman // Hanserblau // 2019 //
Paperback // 256  Seiten // 15,00 Euro //
Mit die Lichtsammlerin hat Beatrix Kramlovsky einen großartigen Generationen-Roman über drei starke Frauen geschrieben. Es ist ein kluges, realistisches und zugleich sehr poetisches Buch.  Ich liebe Beatrix Kramlovskys Sprache und die großen, immer aktuellen Themen.  Die Lichtsammlerin ist vielschichtig und regt zum Nachdenken über die großen Themen des Lebens an.

Was ist Heimat? - Mit dieser Frage beschäftigen sich drei Generationen starker Frauen. Während Rosa in der Zeit des Nationalsozialismus lebte und sich von ihrer "Heimat" abgrenzte, emigrierte ihre Tochter Erika mit ihrem Mann nach Australien. Obwohl Erika nach dem Tod ihres Mannes zurück nach Österreich kam, blieb ihre Tochter Mary in der neuen Heimat.

Die Geschichte beginnt aus der Sicht der jüngsten Frau Mary, die ihre demente Mutter Erika in Österreich besucht. Mary versucht das Leben ihrer Mutter zu organisieren und etwas über ihre Familiengeschichte zu erfahren, bevor die Schatten ganz auf Erikas Gedächtnis fallen:

"Und ich erfuhr, wie Erika, meine Mutter, diejenige wurde, die ich kannte, von der Furcht in den Schatten gedrückt, und wie sie diejenige aufgab, die sie hätte sein können."

In den Rückblenden erfahren wir von Erikas Leben und ihrer Emigration nach Australien nach dem 2. Weltkrieg. Erika erzählt Mary auch endlich von ihrer mutigen Mutter bzw. Großmutter Rosa, die ihr städtisches Leben für die Liebe zu einem Förster und Maschinenbauer in einer Papierfabrik aufgab. In dem abgeschiedenen Dorf versteckte sie von den Nazis gesuchte Juden im Wald und half, wo sie konnte. Rosa wurde aus Eifersucht unter der Verdächtigung eine Nazispionin gewesen zu sein denunziert und von den Russen erschossen, was Erika ihr Leben lang mit Angst und Wut erfüllte.

Doch wie ist es fremd in einer neuen Heimat zu sein? Dieses Thema spielte schon in Marys jungen Jahren eine wichtige Rolle. Sie wurde 1955 in Melbourne als Kind österreichischer Eltern geboren. Mary liebt Australien und fühlt sich als Australierin.
Erika dagegen ist immer Österreicherin geblieben und verlässt Australien sofort nach dem Tod ihres Mannes: "Ich habe dort alles gehasst. Alles war mir fremd, anders. Es sah anders aus, es funktionierte anders, roch anders." Sie liebt alles, was sie in Österreich aufgab, seine Wälder und Musik und ihre alten Konzertflügel. Und auch für einen afrikanischen Taxifahrer in Linz ist es schwer für etwas anderes Platz zu machen: "Das Geburtsland und die Menschen bleiben einem immer im Herzen". 

Doch Beatrix Kramlovsky zeigt, am Beispiel von Rosa, dass man sich auch in seinem Heimatland fremd fühlen kann. Als Städterin und früheres Mannequin bleibt Rosa den Dorfbewohnern erst fremd.
Und auch Rosas Mann, "ein verkappter Royalist", der dem letzten Kaiser nachtrauert und dessen Bild an der Wand hängen hat, fühlt sich wie viele unter dem aufkommenden Nationalsozialismus nicht mehr heimisch. In einer meiner Lieblingsszenen des Buches wird ihm bewusst, dass er sich fügen muss, um nicht aufzufallen und so nimmt er ein Hitlerbild und klebt es vorsichtig über das des Kaisers. Jetzt kann er immer noch in seiner Vorstellung durch Hitler hindurchsehen und auf den Kaiser blicken.

Hiermit verbindet sich eine Frage, die ich mir beim Lesen des Romans gestellt habe: Wieviel Reden und Schweigen ist erforderlich?
Zunächst erzählte Erika in der Schule nichts von Zuhause, da ihre Eltern es ihr verboten, "denn wir halten den Mund und stehen zusammen". Später schweigt Erika auch gegenüber ihrer Tochter Mary, da zu dem Verbot die Angst kam, die mutige und selbstbewußte Mary könne ein ähnlich schreckliches Schicksal wie ihre Großmutter Rosa erleben. So erfährt Mary auch erst sehr spät, dass der kleine Engel Charlie in Erikas Gute-Nacht-Geschichten ihr gestorbener Bruder Karl ist.

Und wie in allen großen Romanen geht es um Liebe. Liebe zur Familie, engen Freunden, Mann und Kindern. Erikas Vater glaubt, Menschen bestünden aus mehreren Lagen: "Je mehr passierte, desto mehr Schichten. Die Liebe wäre dazu da, etwas an den Schichten abzutragen, das Schöne zu fördern." 

Für Rosa und Erika bedeutet Liebe auch ein Stück Selbstaufgabe, Aufgabe des früheren Lebens und der Heimat. So sammelt Erika ihre Familienerinnerungen in einer Schachtel, die sie mit nach Australien und zurück nach Österreich nimmt, um sie dann in ihrer Demenz langsam zu vergessen. Mary hingegen kann durch die Öffnung ihrer Mutter und ihre Erzählungen endlich eine Familienvergangenheit aufbauen.

Vorgelesen von Gisela

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