Direkt zum Hauptbereich

Roadtrip durch die USA: Die Küste entlang bis nach New York




3.11.2016:

Die Küste von Boston nach New York strahlte geradezu. Blauer Himmel über gelb, rosa (!!!) und rot glühenden Bäumen; das Meer ruhig; Die Häuser fast alle aus Holz, quer gelegten Brettern, meist hellgrau mit einem Stich ins Grüne oder Taubenblau bemalt, Fenster- und Türrahmen weiß. Alle Blumenbeete voll mit Chrysanthemen, meist in Gelb und einem dunklen Burgunderrot, das ich in Europa noch nicht entdeckt habe. Keine Zäune. Der Rasen überall noch tiefgrün.
In den Hauseinfahrten lagen Kürbisse, überall. Es war der 30. Oktober, fast alle hatten künstliche Spinnennetze, schwarze Riesenspinnen, Skelette und freundlich lächelnde Totenschädel verschwenderisch drapiert.
In den Häfen der vielen hübschen Städtchen lagen die Boote der Begüterten. Der Wohlstand war sichtbar.
Ich hatte vor Reiseantritt Elizabeth Strout entdeckt und E. Annie Proulx' „Schiffsmeldungen“ wieder entdeckt. Maines Küste hat mit dieser hier wenig zu tun. Die Kargheit des Bodens, die das Leben der Bewohner von Maine teilweise sehr schwierig macht, wird hier überdeckt von der Präsentation des Reichtums der Städter. Hier gibt keine Bauern mehr, die der dünnen Humusschicht Ernten abluchsen müssen.



Was mir sofort gefiel: man kam schnell ins Gespräch. Überall. Ein freundliches Plaudern. Später, in Pennsylvania, würden mir einige Leute sagen, dass es leider nicht so wie sonst wäre, weil diese Präsidentenwahl das Land erschüttere. Niemand wage es in Pubs oder Cafés, das Thema anzuschneiden, schon gar nicht vor Fremden, die man nicht vergraulen wolle.
„Es ist so nett, dass Sie trotzdem gekommen sind“, sagte eine Frau zu mir.

In Darien, einer Bilderbuchstadt nördlich von New York, warteten die ersten Freunde bereits mit einer Halloweenparty. Ich hatte noch nie so viele künstliche Spinnweben gesehen! Und solche Berge von saftigen Steaks. Draußen im Garten spielten die Eichhörnchen. Später, im Winter, würden die Rehe wieder bis auf die Terrasse kommen und nach Tulpenzwiebeln graben.
In Manhattan traf ich eine amerikanische Freundin und Komponistin, die gerade einen Preis in Paris für eine ihrer letzten Kompositionen bekommen hatte und an einer Krimigeschichte schreibt, die im Wien Mozarts spielt. Wir saßen in einem winzigen Café in der Nähe des MoMA und diskutierten über Kontrapunkt und Spätbarock – ein absoluter Kontrast zu meinem Museumsbesuch am Morgen auf Ground Zero.
New York ist für mich eine Stadt, in der ständig Neues, das meine Aufmerksamkeit fesselt, passiert, das Tempo unglaublich ist (kein Mensch hier schlendert, alle rennen sie wie verrückt), Farben- und Formenvielfalt erschlägt und das seltsam bläuliche Tageslicht, das im Schatten der Wolkenkratzer die Straßenschluchten erfüllt, prägend ist.
Zum Lesen kam ich hier nicht. Aber ich sammelte Stoff für mindestens drei Geschichten in wenigen Tagen. Allerdings wurde ich heftig an Fitzgeralds Gatsby erinnert. Die Freunde erzählten von einer Party auf Long Neck Point, einer Landzunge nicht weit von ihrem Haus, von wo man an klaren Tagen die Wolkenkratzer Manhattans am Horizont sehen kann. Alle Gäste waren passend angezogen, einige fuhren sogar in den Oldtimern vor, das riesige Grundstück samt Bootssteg war hell erleuchtet.
„Es war ein Fest, wie im Buch, nur ohne die tragischen Verwicklungen.“ Und dann, während sie mir noch die Häuser ihrer Freunde zeigte, die ich auf der Halloweenpartykennen gelernt hatte: „Es ist so lustig, in ein Buch einzutauchen und so zu tun, als ob du eine Figur der Handlung wärst. Natürlich wählst du nur die glücklichen Momente.“
Sie beobachtete mich von der Seite, prustete plötzlich los. „Du denkst jetzt sicherlich, das ist eine der Fluchtmöglichkeiten der Neureichen, oder?“
Ich lachte ertappt. Ich weiß, dass ihre letzten Jahre sehr schwierig waren. Aber ich bin ihrer Meinung, dass Bücher perfekte Lebenshelfer sein können, in unterschiedlichster Form.

Am 3. November verließ ich sie Richtung Hudson Valley.


Eure Beatrix Kramlovsky <3

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

EM-Special: Fußballkuchen

Hallo :) Dieses Mal möchten wir euch kein Buch präsentieren, sondern einen Fußballkuchen. Das Rezept haben wir von einer Freundin vom Denker bekommen, wofür wir uns hier herzlich bedanken. Aber bevor wir euch von unserem Backspaß erzählen wollen, tippen wir gegen Italien: Denker: 1:0 Dichter: 2:0  für Deutschland 

Die Sehnsucht des Vorlesers - Jean-Paul Didierlaurent

Original: Le Liseur de 6 h 27, 2014 (Roman) Guylain Vignolles hasst seinen Job. Täglich muss er als Maschinenführer die elf Tonnen schwere Bestie - den Zerstörer 500 - bedienen, die Tonnen von Büchern zerstört und in eine zähflüssige graue Masse verwandelt. Dabei liebt er Bücher, weshalb diese Tätigkeit eine Qual für ihn ist. Er selbst bezeichnet seine Aufgabe als Henkersarbeit, als Kulturmord im ganz großen Stil.  Um seinen Grundsätzen treu zu bleiben, rettet er jeden Tag beim Säubern der Maschine einige Buchseiten, die er den Fängen der Bestie entreißen kann. Die an den Messerklingen hängengebliebenen Seiten, versteckt er unter seinem Shirt und bettet sie später zwischen rosa Löschpapier. Auf seinem Weg zur Arbeit liest er auf der 20 minütigen Bahnfahrt seinen Fund des Vortags den Pendlern des Regionalzugs um 6 Uhr 27 vor. Es sind zusammenhanglose Buchseiten aus verschiedenen Büchern, doch wenn Guylain morgens seine Tasche öffnet, verstummt das Gemurmel und weicht gespa...

Suchtpotenzial: "Die Flüsse von London" - Ben Aaronovitch

Suchtpotential Original: Rivers of London (2011) Hallo ihr Lieben, mit „Die Flüsse von London“ von Ben Aaronovitch wollen wir heute die neue Kategorie Suchtpotenzial eröffnen. Hier schreiben wir über Bücher und Autoren, die uns so gut gefallen, dass wir dringend auf eine Fortsetzung hoffen, damit wir sie weiter "suchten" können ☺