Roadtrip durch die USA: Hudson Valley



6.11.2016:

Vor 35 Jahren war ich mit dem Zug das Hudson Valley nordwärts gefahren. Die grüne Weite, die ländlichen Idyllen überraschten mich damals, ich hatte so nahe der Metropole nicht damit gerechnet. Imposant waren auch die Palisades, die senkrechten rostroten Felswände am Flußufer.
Diesmal ging es per Auto den Highway entlang: aus den Dörfern waren die Wohnorte der Pendler geworden und Speckgürtel verbanden sie. Parkähnliche Anwesen unterbrachen die endlose Aneinanderkettung von Straßendörfern.



Hyde Park ist eines dieser Dörfer, mittlerweile glanzlos, in dem zu viele Häuschen leer stehen und scheinbar nur der Wirt direkt im Zentrum sich noch halten kann. Fotos aus besseren Zeiten schmücken die Wände, die Tische sind von Einheimischen besetzt, von denen jeder Familienanekdoten rund um die Vanderbilts erzählen kann.
Der riesige Steinquader steht auf einer Anhöhe über dem Fluss in einem sorgsam gepflegten Park. Die Führungen erfolgen im Stundentakt und sind liebevoll aufbereitet. Denn die Vanderbilts bauten nicht nur viel Infrastruktur in diesem Land auf (und wurden dabei in kurzer Zeit unsagbar reich), sie waren auch ein ungewöhnliches Paar.
Ich kenne aus historischen Artikeln und Tagebüchern den Eindruck, den Mrs. Vanderbilt auf ihren vielen Reisen nach Europa hinterließ. Man belächelte sie hinter ihrem Rücken und begrüßte sie voller Hoffnungen, denn sie hatte mehr Geld als die meisten Adeligen. Vor allem englische aristokratische Familien erwarteten sich lukrative Heiratsanbahnungen. Mrs. Vanderbilt ihrerseits sah sich in den Königspalästen um und beschloß, sie und ihr Mann hätten zumindest genau so zu leben. Als erstes führte sie getrennte Schlafzimmer ein. Dass sie bei ihren Einkäufen geschickt war, zeigen auch die flandrischen Wandteppiche aus der frühen Renaissance, die er lieber gegen romantische Ölbilder eingetauscht hätte. Die Dorfbewohner hingegen fanden nichts so ungewöhnlich wie die Wasserklosetts und die Bequemlichkeit der Dienstbotenzimmer. Über Geschmack sollte man nicht streiten, ich fand rührend, dass der Lieblingsaufenthaltsort in diesem riesigen Kasten für beide Vanderbilts im Erdgeschoß lag, gleich neben dem Eingang: Schreibtisch, Sofa mit Couchtischchen, ein Bücherkasten, Spitzenvorhänge, ein riesiges Elchgeweih über dem Kamin, das er erstanden hatte (sie hielten beide nichts von der Jagd).

Südlich von Hyde Park ging es über den Hudson Richtung Westen, durch welliges grünes Landauf den Delaware zu. Die Steinbuckel dort verlaufen in einer Richtung, alle Bäche fließen parallel, wie riesige versteinerte Schlangen heben sich die Felsen aus dem Moos. Der Delaware hat sich hier ein Bett gegraben, das den Fluß zum Paradies für Bootsfahrer, Kanuten, Fischer und Wanderer macht – und zum wunderschönen Picknickplatz für Weiterreisende.
Denn mein nächstes Ziel lag in Pennsylvania, zwischen Reading und Lancaster. Felder und Weiden zwischen Baum- und Buschreihen, in den Senken immer wieder riesige Farmen mit ihren silbernen Silos, die aussehen wie futuristische Kathedralen.
Es ist ein fruchtbares Land, das hauptsächlich von Deutschsprachigen urbar gemacht wurde. Die Dörfer der Amish People reihen sich aneinander. In der Nähe Torontos hatte ich schon eine kanadische Enklave der Amish People kennen gelernt, die sich bei weitem nicht so touristisch präsentierte wie hier das Zentrum Bird-in-Hand. Aber mir ging es eigentlich um etwas anderes. Ich war einem Schriftsteller und seiner ungewöhnlichen Biografie auf der Spur.
James Michener war in den 70-er und 80-er Jahren weltweit bekannt. Der Pulitzer-Preisträger hatte viele Romane geschrieben, die zum Teil verfilmt wurden und sich fast alle mit den Entstehungsgeschichten und Mythen von Ländern und Völkern beschäftigten. An die Colorado Saga können sich vermutlich die älteren Leserinnen noch erinnern, eine spannende Fernsehserie, die auch im deutschen und österreichischen Fernsehen lief. Die Saga nahm ihren Ausgang hier im bäuerlichen Land rund um Lancaster und genauso geschieht es in Micheners Pseudo-Autobiografie „Dresden, Pennsylvania“, in der er ein Alter Ego erschafft, das den Buchmarkt und die Entstehung von Romanen schildert.
Wenig funktioniert so jetzt noch. Aber ich fand es so spannend, wie er die Schreibkurse an den Universitäten schildert, wie sein Held recherchierte, wie er aus dem Bauernland nach New York kommt, wie Agenturen damals arbeiteten und Verleger ihre Autoren fanden. Er schildert seine Anfänge als Lektor bei Random House und wie er einer blutjungen Kollegin begegnet, Toni Morrison, der späteren Nobelpreisträgerin. Er schreibt ein Hohelied auf Buchhändler und Leser, ohne die jeder Schriftsteller verloren ginge. So nebenbei erfährt man eine Menge und unterhält sich dabei auch noch gut. Man muss also kein Buchfreak sein, um dieses Buch zu mögen.

Weiter im Westen, rund um Bedford, wurde ich an ein anderes Buch erinnert, die „Brücken von Madison County“, das Viele vielleicht als Film kennen (mit Meryl Streep und Clint Eastwood).
Bedford County besitzt ebenfalls eine Reihe von überdachten Holzbrücken, die liebevoll restauriert worden sind. Denn der Fluß hier schlängelt sich durch das freundliche Tal und trennt die Farmen und Weiler auf kürzester Entfernung oftmalig. Es gibt keine großen Höfe mehr, der felsige Untergrund verhindert fruchtbare Erde.

Die Präsidentenwahl steht unmittelbar bevor. Hier, in dieser so offensichtlich armen Gegend, sehe ich kaum ein Holzhaus, in dessen Vorgarten nicht ein Trumpplakat in den Boden gerammt ist. Aber auch hier wird nicht diskutiert. Ein Wirt bestätigt diesen Eindruck: in seinem Lokal wird nicht über die Kandidaten geredet. Man will es nicht zum Thema machen, was permanent über den Bildschirm flimmert. Es sei eben keine Wahl wie sonst, mehr wollen die meisten gar nicht sagen.

Meine Route führt mich südwärts, weiter in den Tälern der Appalachen. Als nächstes erwartet mich eine Ikone der Moderne, das Haus, das seit 80 Jahren die westliche Architektur beeinflusst, und das hier in den Wäldern, mitten im Nirgendwo steht.

Eure Beatrix Kramlovsky <3

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