Naira Gelaschwili: Ich bin Sie

Roman
Verbrecher Verlag // 2017 // Übersetzt aus dem Georgischen von Lea Wittek
169 Seiten // 22,00 Euro // Leineneinband

Es ist das Jahr 1959 in Tiflis. Die 12 jährige Nia ist zum ersten Mal verliebt. Der junge Student wohnt in der Wohnung gegenüber, in die Nia von ihrem Fenster aus sehen kann. Also steht sie meistens am Fenster und versucht einen Blick auf ihn zu erhaschen. Ihre schulischen Leistungen nehmen ab, sie zieht sich zurück, kann sich niemanden anvertrauen.
„Liebender heißt auf Arabisch ein vom Wahnsinn Befallener“ und so geht es auch Nia.

Jeden Morgen begleitet sie ihn zum Bus. Erwartet ihn später wieder an der Haltestelle, um ihn nach Hause zurück zu folgen. Natürlich immer heimlich und vorsichtig, um nicht von Familie oder Nachbarn gesehen zu werden. Als es schneit, steht sie nachts auf, macht einen Schneeengel unter seinem Balkon und schreibt „Ich liebe dich“ dazu. Nia leidet mit ihm als er krank seine Wohnung nicht verlassen kann, beschafft Essen, das sie ihm vor die Wohnungstür stellt.
Einmal schwänzt sie die Schule und fährt heimlich mit zur Universität. Dort sieht die selber in ihrer Liebe Einsame ihn von Studenten umringt, von Studentinnen umschwärmt. Aber es ist doch Nias erste Liebe und sie ist neidisch, hat das Gefühl ihn nicht mit anderen teilen zu wollen: „dass Er dir gehört und die anderen ihn nicht anrühren dürfen“. Seit seinem Eintritt in Nias Leben, seit jenem Tag als sie ihn auf dem Balkon sah, ist Nias unbeschwertes Leben, ihre Kindheit vorbei.
Während sie die Höllenqualen der ersten unerfüllten Liebe leidet, weiß er von alledem nichts. Zwei Jahre später nimmt er Nia zum ersten Mal wahr, spricht sie an. Erst später wird Nia klar, dass sie auf seine Frage nach ihrem Lieblingsfach in der Schule, Deutsch geantwortet hat. Verzweifelt versucht sie nun Deutsch zu büffeln, um diese Lüge in Wahrheit zu verwandeln.

Die Zweite Zeitebene spielt 1975 und Nia ist - wie die Autorin auch - inzwischen Germanistikprofessorin und Rilke-Expertin geworden. Mit ihren Studenten analysiert sie Rilkes Gedichte als Meisterwerke für einseitig Liebende und liebende Einsamkeit. Und es gibt noch eine dritte Zeitebene, die 1995 mit Nias verzweifelter Suche nach dem Geliebten beginnt. Sie versucht alles bis sie schließlich über den Innenminister seinen Aufenthaltsort erfährt. Der Geliebte scheint als Arzt in dem nahegelegen Kurort zu sein.

„Ich bin Sie“ ist ein wundervoller poetischer Roman über die Sehnsüchte und Unvernunft der ersten Liebe. Aber er ist noch viel mehr, denn auch die ältere Nia ist dieser einseitigen Liebe treu geblieben. Sie hat sich in der Einsamkeit des alleine Liebenden eingerichtet, auch wenn Sie sich sehnlichst ein Lebenszeichen von ihm wünscht. Wie in Georgien üblich sollten sich auch in Deutschland Liebespaare allen Alters diesen großartigen Roman gegenseitig schenken.



Für das Rezensionsexemplar danken wir: 

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