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Von Kinderbüchern und schrägen Dorfbewohnern

Ich habe The Librarian gekauft, da ich dachte, es sei ein Buch über Bücher. Der Titel klingt bereits sehr vielverprechend und wie ihr vielleicht schon merken konntet, sind auch die Vorleser auf den Zweig der englischen Kinderliteratur gestoßen. Ein Buch über eine Kinderbuchbibliothekarin schien also perfekt: 

Salley Vickers: The Librarian
Penguin Books // 2018 
400 Seiten // 11,00 Euro // Paperback 



Inhaltsangabe vom Buchrücken: 
"In 1958, Sylvia Blackwell, fresh from one of the new post-war Library Schools, takes up a job as children's librarian in a run down library in the market town of East Mole. 
Her mission is to fire the enthusiasm of the children of East Mole for reading. But her love affair with the local married GP, and her befriending of his precious daughter, her neighbour's son and her landlady's neglected grandchild, ignite the prejudices of the town, threatening her job and the very existence of the library with dramatic consequences for them all.
The Librarian is a moving testament to the joy of reading and the power of books to change and inspire us all." 

Sylvia soll also die Kinderbibliothekarin von East Mole, einem kleinen Dort in England, werden. Sie selbst liest fast ausschließlich Kinderbücher und will bei den Kindern des Dorfes die Begeisterung für das Lesen entfachen. Auf die Frage hin, warum Sylvia Kinderbücher der "Erwachsenenliteratur" bevorzugt, antwortet sie: ’Maybe’, she said hesitantly, ’maybe it’s because children’s authors can write about magic, other worlds, and be taken seriously. I mean, I suggest that somewhere, even if hidden, there’s another reality as real as the everyday world we take for granted that enlarges our sense of ordinary reality, gives it more meaning, if you see what mean?’ It was the longest speech she had ever made to anyone. 

Die Grundidee der Handlung, also eine junge Bibliothekarin, die in ein kleines Dorf kommt und es aufmischt, finde ich sehr interessant. Dennoch wurde das Potential meiner Meinung nach nicht ausgeschöpft, da:  

(1) 1958: eine interessante und angespannte Zeit, gerade im England der Nachriegszeit. Wenn eine Geschichte gerade in dieser Zeit spielt, erwarte ich, dass der Zeitgeist sich in der Handlung widerspiegelt und eine wichtige Rolle einnimmt. (Gerade, wenn die 1950er so prominent auf dem Buchrücken hervorgehoben werden). In dem Buch gibt es - natürlich - keine Handys und kein Internet, allerdings sind die Referenzen auf die 50er Jahre, beispielsweise wird der zweite Weltkrieg ein paar Mal erwähnt, zu spärlich eingestreut und letztlich nicht für die Geschichte relevant. 
Ich denke auch nicht, dass Sylvias Affäre mit dem lokalen Allgemeinmediziner 1958 um so brisanter war, denn auch heute noch werden Affären gerade in einer kleineren Nachbarschaft, wo jeder jeden kennt und sich vieles schnell herumspricht, einen kleinen Skandal auslösen. 

(2) Nach 32 Kapiteln wird auf den letzten 40 Seiten ein Part 2 eröffnet. Dieser spielt ungefähr 60 Jahre nach der eigentlichen Handlung und beginnt damit, dass die Kinderabteilung geschlossen werden soll. Die damaligen Kinder sind nun Großeltern und treffen wieder aufeinander. Es wird berichtet, was aus der kleinen Lizzie geworden ist, den Zwillingen Pam und Jem und natürlich auch aus Sam. Ich verstehe, dass sich die Geschichte nach den 32 Kapiteln noch nicht komplett angefühlt hat. Nun werden jedoch unter anderem Dinge aus der Vergangenheit "offenbart", die letztlich irrelevant für die eigentliche Handlung sind, weshalb ich diesen Part nur noch überflogen habe. 

(3) Die "Liebes"-Beziehungen in East Mole sind bis auf die Ehe von Sylvias Nachbarn den Hedges klischéehaft oder einfach nur merkwürdig. 
Dee und ihr Ehemann: es wird mehrmals angedeutet, dass der Ehemann von Dee - eine Frau mittleren Alters, die mehrmals in der Woche als Freiwilllige in der Bibliothek arbeitet - pädophil ist. Dee sagt gegenüber Sylvia, dass sie immer aufgepasst habe, dass nichts "Schlimmes" passiert und trivialisiert das Ganze damit. Dass Dee ihn damit deckt und stattdessen eine Affäre mit dem Bibliothekar Dr. Booth hat, den sie nicht mal richtig leidern kann, ist für mich einfach absurd und mag auch nicht zu der sonst so resoluten Dee passen. 
Hugh Bell und Sylvia bzw. Mrs. Bell: Hugh Bell, der Arzt der Gemeinde und Sylvias Affäre, ist letztlich ein "Schwächling". Er habe seine Frau nie wirklich geliebt. Zudem ist sie eher reserviert und verkehrt nur in den "höheren Kreisen", die Hugh alle steif und langweilig findet. Aber er kann seine Frau natürlich wegen des gemeinsamen Kindes nicht verlassen. Hugh erkärt sich alles so, dass letztlich er derjenige ist, der bemitleidet werden sollte. 
Sam: Es ist schade, wie die anfangs so innige Beziehung zwischen dem Nachbarskind Sam und Sylvia, die Sam sogar als ihren Liebling bezeichnet, zum Ende hin mehr und mehr zerrüttet. Sam ist ein sehr intelligentes und wissbegieriges Kind und auch wenn er nicht gerne liest, begleitet er Sylvia schließlich gerne in die Bibliothek und hilft ihr. Dass er sich am Ende nicht mal mehr richtig von Sylvia verabschiedet, ist einfach schade. Dies liegt vermutlich vor allem daran, dass Sam sich als 10 Jähriger (!) ausgerechnet in die ach so intelligente Marigold verliebt, die rein zufällig die Tochter von Hugh Bell ist. Die schüchterne Lizzie Smith hingegen findet er langweilig, wo wir wieder bei den Klischées sind. 

Gerade der letzte Punkt ärgert mich vermutlich so sehr, weil ich die Hedges, die Nachbarn von Sylvia, direkt in mein Herz geschlossen habe. Auch Sylvia ist grundsätzlich sehr liebenswert und die Idee in der Bibliothek Schulprojekte zu veranstalten, war sehr schön und auch toll zu lesen. Gerade deshalb finde ich es schade, dass das Potential der Geschichte, mit dem man einen schönen Roman über Bücher und die Liebe zu Büchern hätte schaffen können, nicht genutzt wird. 
 
Im Nachwort der Autorin ist eine Liste mit Leseempfehlungen der East Mole Library zu finden, wovon viele Bücher bereits im Roman erwähnt werden. Ich habe versucht, alle Bücher, über die Sylvia Blackwell spricht, aufzuschreiben und die Liste der Autorin zu ergänzen: 
Alistair MacLean, The Guns of Navarone
Andrew Lang, The Blue, Brown, Olive and Lilac Fary Books 
Arthur Ransome, Swallows and Amazons and following series 
Beatrix Potter, collected works insbes. The Tale of Peter Rabbit and Jemina Puddle-Duck
C.S. Lewis, the collected Narnia, The lion the witch and the wardrobe 
Charles Dickens, A Tale of Two Cities 
Charles Kingsley
Colette, Gigi 
Dodie Smith, I Capture the Castle 
Dr Seuss, How the Grinch Stole Christmas
E. Nesbit, The Story of the Treasure Seekers and collected children’s works 
Enid Blyton, insbes. Noddy books
Eric Linklater, The Wind of the Moon 
Erich Kästner, Emil and the Detectives 
Ernest Thompson Seton, The trail of the Sandhill Stag 
Frances Hodgon Burnett, The Secret Garden
Geoffrey Trease, Cue for Treason 
George MacDonald, The Princess and Curdie, At the Back of the North Wind 
Gwynedd Rae, Mary Plain books
Hugh Lofting, Dr. Dolittle 
Ian Fleming, Dr No 
J. B. S. Haldane, My Friend Mr Leakey
Jack London, White Fang
Jane Austen, Pride and Prejudice, Northanger Abbey, Emma 
Johann Davis Wyss, The Swiss Family Robinson 
Johanna Spyri, Heidi
John Ruskin, The Stones of Venice, The King of the Golden River 
Kenneth Grahame, The Wind in the Willows 
L. M. Montgomery, Anne of Green Gables series 
Leila Berg, Trust Chunky, Little Pete Stories 
Lewis Carroll, Alice`s Adventures in Wonderland, Through the Looking-Glass, and What Alice Found There 
Louisa May Alcott, Little Women 
Mark Twain, Huckleberry Finn 
Mary Louisa Molesworth 
Mary Norton, The Borrowers, The Borrowers Afield 
Munro Leaf, The Story of Ferdinand 
Noel Streatfeild, Ballet Shoes, White Boots
Norman Hunter, The Incredible Adventures of Professor Branestawm 
Norman Lindsay, The Magic Pudding 
Old Mother Hubbard 
P.L. Travers, Mary Poppins, Mary Poppins Comes Back, Mary Poppins Opens the Door 
Philippa Pearce, The Minnow on the Say, Tom`s Midnight Garden 
Richard Mason, The World of Suzie Wong 
Robert Louis Stevenson, Treasure Island 
Rosemary Sutcliff, Warrior Scarlet, The Silver Branch
Rudyard Kipling, Just So Stories, Puck of Pook´s Hill 
Simone De Beauvoir, The Second Sex
Sir Walter Scott 
Susan Coolidge, What Katy Did, What Katy Did at School, What Katy Did Next 
T.H. White, The Once and Future King, The Sword in the Stone, The Ill-made Kings, the Witch in the Woods 
Tove Jansson, Comet in Moominland and all the Finn Family Moomintroll books
Virginia Woolf, A Room of One´s Own 
William Shakespeare, A Midsummer Nights Dream, Twelfth Night


'I´m really only a judge of children´s books.'
Miss Crake looked pained. 'Only fools disregard children´s literature. Clarity of vision is shed with childhood but one can sometimes recover a glimpse of it in the best children´s literature. I re-read Lewis Carroll about once a year.' 

Vorgelesen von 
    Gianna 

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