Liebesgeschichten Klassiker


Marguerite Duras: Der Liebhaber 
Roman // Original: L´Amant  // 1984
Suhrkamp Taschenbuch // 2013 // Aus dem Französischen von Ilma Rakusa 
194 Seiten // 8,00 Euro // Taschenbuch 

"Mag jeder dieses Buch auf seine Weise verstehen. Mir scheint, dass Marguerite Duras sagen wollte: Die Liebe, sie ist doch kein leerer Wahn." - Marcel Reich-Ranicki 

Mit diesem Zitat bin ich den Bestseller von Marguerite Duras angegangen.

Nach einem kurzen Aufeinandertreffen mit einem einem Mann in der Halle eines öffentlichen Gebäudes erinnert sich die Protagonistin an ihre Jugend. Damals lebt sie mit ihrer Mutter und ihren zwei Brüdern in der französischen Kolonie Indochina, dem heutigen Vietnam.

Lassen Sie mich hinzufügen, ich bin fünfzehnenhalb. 
Eine Fähre überquert den Mekong.
Das Bild währt die ganze Überfahrt. 
Ich bin fünfzehnenhalb, es gibt keine Jahreszeiten in diesem Land, wir leben in einer einzigen heißen, eintönigen Jahreszeit, wir leben in der langen heißen Zone der Erde, kein Frühling, keine Wiederkehr. 

Ihre Mutter, selbst Lehrerin, wünscht sich für ihre Tochter eine gute Schulbildung und schickt sie daher auf ein französisches Gymnasium. Bei der Flussüberquerung auf dem Weg zur Schule trifft sie eines Tages einen chinesischen Geschäftsmann. [...]
Nicht nur ihre unterschiedliche Herkunft, auch ihr Altersunterschied von 12 Jahren scheinen von Anfang an unüberwindbare Hindernisse, dennoch hält ihr Verhältnis - oder wie auch immer man das, was zwischen ihnen ist, bezeichnen kann - eineinhalb Jahre. Doch "Der Liebhaber" erzählt nicht nur von dem Aufeinandertreffen der beiden unterschiedlichen Charaktere, die Protagonistin berichtet zugleich von ihrer Familie.
Ihr jüngerer Bruder, den sie sehr geliebt hat, der jedoch beim älteren Bruder und der Mutter als schwächlich gilt.
Die Mutter, die seit dem Tod ihres Vaters kaum zurechnungsfähig scheint und auch die Beziehung zum Chinesen nicht richtig wahrzunehmen scheint.
Und schließlich der große Bruder, der jähzornig und boshaft ist. Dennoch ist er der Liebling der Mutter und scheint unfehlbar zu sein, auch wenn sein Verhalten gegenüber seinen Geschwistern und dem Chinesen unmöglich ist.

Auch wenn der Liebhaber keine besondere Länge aufweist, hat es etwas gedauert, bis ich voll in diesem Roman angekommen war. Die Erzählung ist nicht chronologisch, was dem Roman auch einen besonderen Flair verleitet und dem Leser zuweilen das Gefühl gibt, selbst durch Indochina zu irren. Zudem wechselt Duras zwischen der Ich-Erzählung und der dritten Person. All das macht jedoch gerade den Liebhaber aus und zu einem Lesevergnügen. Nachdem ich das Buch ausgelesen hatte, blieb ich mit einem verwirrten Gefühl zurück.


Truman Capote: Frühstück bei Tiffany. Die Kapriolen der Holly Golightly neu übersetzt
Roman // Original: Breakfast at Tiffany's // 1958 
Kein & Aber // 2006 // Hrsg. Anuschka Roshani // Aus dem Amerikanischen neu übersetzt von Heidi Zerning 
128 Seiten // 16,90 Euro // Hardcover mit Schutzumschlag 

Als am vorigen Dienstag spätnachmittags das Telefon klingelte und ich "Hier ist Joe Bell" hörte, wusste ich deshalb, dass es sich um Holly drehen musste, auch wenn er sie nicht erwähnte, sondern nur sagte: "Kannst du rasch mal vorbeischauen? Es ist wichtig", wobei sich seine Krächzstimme vor Aufregung überschlug. 
Bei strömendem Oktoberregen nahm ich mir ein Taxi, und während der Fahrt dachte ich sogar, sie könnte dort sein, ich würde Holly wiedersehen. 

Auch wenn der Protagonist, den Holly liebevoll Fred nennt, da er sie an ihren größeren Bruder Bill erinnert, in der Bar von Joe Bell nicht Holly Golightly antrifft, nutzt er dieses Ereignis, um sich an ihre gemeinsame Zeit zurückzuerinnern.
Holly und Fred wohnen im selben Hau, sind sich jedoch bisher kaum begegnet. Ihre einzige Interaktion liegt darin, dass Holly ihren Nachbar nachts aus dem Bett klingelt, damit dieser den Summer der Tür drücken und sie herein lassen kann. Als Dank bekommt er stets den Ruf: "Tut mir leid, Herzchen - hab den Schlüssel vergessen." Ihre Freundschaft beginnt, als Holly eines Abends über die Feuertreppe in Freds Wohnung klettert, um einem Mann in ihrer Wohnung zu "entwischen".
Als Holly erfährt, dass Fred Schriftsteller ist, möchte sie ihm helfen. Und so wird Fred ein Teil von Holly Golightlys schimmernder Welt.

Holly Golightly ist für mich eine der undurchsichtigsten und widersprüchlichsten Protagonistinnen. Sie strebt nach Unabhängigkeit und lebt von Tag zu Tag. Zugleich ist sie innerlich mit ihren 19 Jahren noch ein unsicheres junges Mädchen und sehnt sich nach Sicherheit, Beständigkeit und auch etwas Normalität. Wobei ihr ganzes Leben nicht normal ist und Holly sich nur mit den Reichen und Schönen umgibt, ist dennoch ihr Fred an ihrer Seite, der möglicherweise eine Art Gegengewicht für sie darstellt. Ein Stück normales Leben, was Holly nie hatte und wohl auch nie haben wird.
Gerade dieser innere Zwiespalt macht Holly zu einer unglaublich sympathischen und liebenswürdigen Protagonistin, an die ich sofort mein Herz verschenkt habe.

Ich hatte zuvor schon den Film mit Audrey Hepburn gesehen und mir immer wieder vorgenommen auch den Roman zu lesen. Doch wie das jeder kennt, bin ich nie dazu gekommen und habe dieses Vorhaben in meinem Kopf nach hinten geschoben. Als ich jedoch Die Autobiografie von Katherine Graham Die Verlegerin gelesen habe, begegnete mir dort auch Truman Capote, der eine Party für Kay Graham als Hauptgast veranstalten wollte. Danach konnte ich Capote nicht mehr vergessen und schnappte mir in der Buchhandlung endlich das Buch.
Sobald ich Frühstück bei Tiffany aufgeschlagen hatte, war ich schockverliebt! Truman Capote versteht sich, seine Leser auf den ersten Seiten in Beschlag zu nehmen und die Welt der Holly Golightly zu zeigen. Sofort habe ich den Roman jedem in meiner Umgebung empfohlen und meine Ausgabe weiter verliehen. Denn ein Frühstück bei Tiffany mit Holly Golightly sollte sich keiner entgehen lassen.


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