Nagib Machfus: Spiegelbilder

Roman // Original: Al-Maraya // 1972
Unionsverlag // 2017 // Aus dem Arabischen von Doris Kilias // Mit 51 Illustrationen von Said Wanli
384 Seiten // 14,95 Euro // Broschur





In Spiegelbildern erzählt der ägyptische Literatur-Nobelpreisträger, Nagib Machfus, in 54 Portraits oder besser Spiegelbildern die Lebensgeschichte von Freunden und Feinden aus Kairo. Machfus kennt sie aus Kindes- und Studententagen, aus seiner Zeit als Beamter, aus dem Salon von Mahir Abd al-Karim.

Im Salon begegnet der Erzähler auch Ibrahin Akl, seinem früheren Universitätsprofessor wieder. Er nimmt dies zum Anlass dem Leser Prof. Akls Lebensgeschichte als mögliches Schicksal eines Intellektuellen vorzuführen: Nach seiner Rückkehr aus dem Ausland ist Akl wiederholten Verleumdungen ausgesetzt, er zieht sich aus dem politisch Leben zurück und wird im Alter sogar zum Derwisch. Oder Rechtsanwalt und Journalisten Salim Gabor als ein Beispiel für ständige politische Wandelbarkeit: Gabor wendet sich von Wafdisten ab und hin und her, bis er schließlich Kommunist wird. Er befürwortet zwar die Juli Revolution 1952, die Abschaffung der Monarchie, das Ende der feudalistischen Zustände und die Begrenzung des Landbesitzes. Als die Wafd- Partei jedoch aufgelöst wird, weint er ihr wie ein Kind nach.
Und das sind nur zwei Beispiele aus den großartigen 54 Spiegelbildern.

Ursprünglich hat Machfus die Spiegelbilder als Fortsetzungsgeschichten für eine Fernsehzeitung geschrieben, als Buch erschienen sie dann 1972. Es geht viel um Politik, aber auch um Religion, Recht und Unrecht, Liebe und Verrat und um die Stellung der Frau in der ägyptischen Gesellschaft.

Für mich waren die Spiegelbilder eine gute Lektion in ägyptischer Geschichte. Machfus führt den Leser wie nebenbei durch die wechselnden Geschicke Ägyptens, die Zeit des Widerstands gegen die Briten, der 1919 „Revolution“ und den Angriff auf die Azhar-Universität, den Sechstagekrieg 1967 und den sozialistischen Reformen Nassers ohne sie wirklich beim Namen zu nennen. Er erzählt von Opportunisten und Idealisten, von Enttäuschten und Hoffnungsvollen, von veränderten Werten und von Kindern, die zum Studium ins Ausland gehen und auch dort bleiben.

Machfus schreibt ohne Bitterkeit oder Rachegefühle, sondern mit viel Verständnis für menschliche Schwächen und Eitelkeiten und Abseits jeden Fanatismus. Auch wenn ich zu wenig über Ägypten weiss, um den politischen  Hintergründen immer ganz genau folgen zu können, ist es einfach schön die Spiegelbilder zu lesen und dabei den großartigen Geschichtenerzähler zu hören. Und natürlich dürfen auch die 50 wunderschönen Illustrationen von Saif Wali nicht vergessen werden sowie Doris Kilias, die die poetische Sprache aus dem arabischen übersetzt hat.

Nagib Machfuss hat rund 50 Bücher geschrieben und selbst als er 1994 bei einem Attentat durch einen religiösen Fanatiker schwer verletzt wurde, hörte er nicht auf, sich öffentlich zu äußern. Weitere Informationen zu Nagib Machfus und seine bislang in Deutsche übersetzten Bücher findet ihr auf der Seite des Unionsverlags www.unionsverlag.com

Indibookweek Tag 8

Für das Rezensionsexemplar danken wir:

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