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Anthony McCarten: Jack

"Als ich in St. Petersburg ankam, war ich in einem anderen Bewusstseinszustand: längst nicht mehr die Jan Weintraub, die zu dieser Fahrt aufgebrochen war. Bis zu einem gewissen Grade - das ging mir jetzt erst auf - hatte auch ich das Reich der Literatur betreten." 

Die ambitionierte Literaturstudentin Jan Weintraub macht sich auf den Weg nach St Petersburg, um ihr literarisches Idol Jack Kerouac zu treffen. Bei einer einmaligen Begegnung soll es jedoch nicht bleiben, Jan möchte das Aushängeschild der Beat Generation dazu überreden, seine Biografie zu schreiben. Dass Jack nur noch ein Abbild seiner selbst ist, ist dabei unwichtig, denn aus verlässlichen Quellen seiner Literatur-Kollegen weiß Jan, dass Kerouac alle Briefwechsel, die er jemals geführt hat, archiviert hat. Daher ist der Originaltitel „American Letters“ meiner Meinung nach viel passender: denn Jan jagt dem Schatz einer ganzen Bewegung hinterher.

Original: American Letters (2018)
Diogenes Verlag // 2019 // Übersetzt aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié.
255 Seiten // 22,00 EUR // Taschenbuch


Von Jans Idee seine Biografin zu werden, ist Jack wie zu erwarten nicht besonders angetan. Dennoch hat er von Beginn an eine besondere Beziehung zu der Studentin und scheint sich in ihrer Gegenwart nicht unwohl zu fühlen. Deshalb erklärt er ihr auch erschreckend ehrlich, warum er keine Biografie autorisieren wird, egal für sie oder einen anderen Autoren: 

„…Ich sitze einfach nur da. Bis ich einschlafe. Mir fällt absolut nichts ein. Und der Grund dafür ist, dass ich völlig leer bin. Ich habe keine Persönlichkeit mehr, von der ich zehren könnte.“ Er schien in sich zusammenzusacken. Dieser traurige Mann im braunen Bademantel, eine Kordel um den Bauch gebunden, die Haare noch feucht vom Duschen.
„Eine Blockade, meinen Sie?“
„Viel schlimmer als das. Verstehen Sie, wenn man kreativ sein will, muss man in die dunkelsten Bereiche des eigenenWesens eintauchen. Das mag eine Bereicherung für die Welt und so weiter sein, aber der Haken an der Sache ist, dass man dabei seine Seele verliert. Das ist das Paradox der Kunst. Ich habe meine Seele verloren, das spüre ich, aber mein Körper, mein Körper weigert sich aufzugeben.“


Beim Lesen habe ich kein Mitleid für Kerouacs jetzige Verfassung empfunden, dafür ist er nicht der Typ, der mitleidserregend oder gar -erhaschend ist. McCarten hat eine Atmosphäre geschaffen, die sich über den ganzen Roman hinwegzieht. Mir fehlen die Worte, um diese besondere Atmosphäre zu beschreiben - sie hat mich an das Buch gebunden, mir ein Gefühl der Zugehörigkeit gegeben, während ich zugleich der stille Beobachter war. Dass hinter Jans Bemühen um Jack mehr als nur eine Biographie steckt, ist schnell ersichtlich. Das Ende ist dafür ein verwirrendes und zugleich geniales. Gerade wegen dieser Atmosphäre - meiner zeitweisen Verschmelzung mit Jan und im selben Atemzug die Distanz zu ihr - macht as Ende einzigartig und hinterlässt einen merkwürdigen befriedigendes Beigeschmack.

„Die Persönlichkeit eines Menschen hat Dutzende von Facetten. Fahren Sie in einen Ferienort. Sehen Sie sich um. Der humorlose Anwalt schlüpft aus seinem Anzug und verwandelt sich in einen Partylöwen. Der berühmte Schauspieler wird zum erbärmlichen Langweiler. Die eingeschüchterte Hausfrau mustert sich zur hinreißenden Liebhaberin, wird ein völlig anderer Mensch. Es ist immer das Gleiche, die Sehnsucht nach Flucht…“

Wir danken dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. 

Vorgelesen von 

        Gianna 

PREVIEW: Und das nächste Mal bei den Vorlesern...
..Als wir nach dem nächsten Buch suchten (beziehungsweise dem ersten Buch des Buchclubs in veränderter Konstellation), erzählte mir der Freund von seinem Lieblingscomedian. Trevor Noah. Er sei Moderator der Night Show The Daily Show, die ich zu seinem Entsetzen nicht kannte. Noah hätte auch ein Buch geschrieben „Born a crime“, indem er über seine Kindheit in Südafrika erzählte...

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