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Sylvain Prudhomme: Ein Lied für Dulce

Original: Le Grands (2014)


Couto, oder auch Lunguuu, wie ihn seine Freunde begeistert von seinen genialen Gitarrensolo riefen, ist ein stolzer, starker, mittlerweile 58 jähriger, Mann. Schon als 18 jähriger kämpfte er als Guerillakämpfer in der Befreiungsarmee in Guinea Bissau im Dschungel gegen die Portugiesen. Ihr Anführer war Gomes, der Besessene, der Irre: „Der genialste Militärführer, den das Land hervorgebracht hatte, sagten die Leute, aber auch der gefährlichste“.

Nach den Jahren im Dschungel gab es für Couto dann nur noch die Musik. Mit seinen Freunden spielte er überall und immer. Anfangs gegen Essen und Trinken, später füllten sie ganze Stadien mit ihrer Band Super Mama Djombo. Doch ihre besten Jahren begannen als Dulce, die junge Sängerin dazu kam: „Dulces Stimme rieselte durchs Zimmer, schwebte zwischen den Wänden, kindlich, voller Anmut“.

Das Buch beginnt als Couto in den Armen seiner Freundin Esperanca von Dulces Tod erfährt: „Couto wartete lautlos auf den Schmerz, darauf, dass die Trauer über die Nachricht sich in seinem ganzen Körper ausbreitete... Dann sah er sie, als stünde sie vor ihm auf der Bühne, wie sie in die Hände klatschte wie früher, sich umdrehte, um seine Gitarrenriffs abzupassen, ihm zulächelte“.

Couto streift nun durch die Straßen und Bars der Stadt Chiringuitó, trifft alte Freunde und Bandkollegen und erinnert sich an sein früheres Leben. An die Jahre im Dschungel unter Gomes und an die Zeit mit Dulce. Bis Gomes kam und ihm und der Band Dulce wegnahm und heiratete. Für Dulce war Gomes ein fetterer Fisch als Couto, der Gitarrist.
Gomes, der Couto im Befreiungskampf regelmäßig die gefährlichsten Kommandos zuteilte und ihn ins offene Messer laufen ließ. Gomes, der mittlerweile Generalstabschef der Armee ist und jetzt ihr Land an die Drogenbarone verkauft.
Eigentlich war für den Abend ein Konzert der legendären Band Super Mama Djombo geplant. Doch noch etwas liegt in der Luft: es sind nur noch vier Tage bis zur zweiten Runde der Präsidentenwahl und der Widersacher des Militärs liegt klar vorne. Bislang hat Gomes Ruhe bewahrt und das Militär zurückgehalten. Heute Abend wollen die Studenten jedoch wegen eines vom Militär erschossenen Studenten demonstrieren und die Militärkonvois voller bewaffneter Soldaten rücken schon an. Es liegt Randale in der Luft und nicht nur die Jugendgangs bereiten sich schon auf den Abend vor und rasieren sich die Schädel kahl. Aber die Bandmitglieder wollen unbedingt das Konzert für ihre verstorbene Sängerin Dulce geben, während schon die ersten Schüsse zu hören sind.

Prudhomme erzählt von dem Kampf eines der ärmsten Länder erst gegen die Portugiesen, dann die Drogenbosse, Korruption und Machtmissbrauch. Der Langweile und Auswegslosigkeit der Jugend. Aber auch von den Träumen, Hoffnungen und Ängsten der Bewohner. Von einem alten Mercedes als Hühnerstall missbraucht, der jetzt die Träume auf ein Taxigeschäft verkörpert.

Die meisten Figuren des Buches sind real. Während es Couto so nicht gibt, haben alle anderen im Buch erwähnten Musiker von Super Mama Djombo wirklich in der Band gespielt oder spielen noch darin. Einige Lieder könnt ihr auf You Tube hören. Die Band singt in Guinea-Bissau Kreol. In der Nachbemerkung des Autors erfährt man auch, dass Coutos Dulce mit der großen Dulce Neves nur den Namen und die Stimme gemein hat. Die echte Dulce Neves lebt und singt immer noch und hat nie einen Generalstabschef geheiratet. In Guinea-Bissau kam es wirklich am 12. April 2012, ein paar Tage vor der Stichwahl zu den Präsidentenwahlen, die den Befürworter einer Neuorganisation der Armee an die Macht bringen sollte, zu einem für alle Beobachter vorhersehbaren Staatsstreich des Militärs. Mehr zur Geschichte Guinea-Bissaus und zu Super Mama Djombo könnt ihr im Internet finden.
Ein Lied für Dulce ist ein ungemein fesselndes Buch, spannend und doch poetisch. Gekonnt Fiktion und Fakten um die Geschichte und die Bewohner eines der ärmsten Länder der Welt verwebend.
Sylvain Prudhomme erhielt dafür den Grand Prix des Lectrices de ELLE 2015, den Prix litteraire Georges-Bassens und den Prix Litteraire de la Porte Dóree.


Unionsverlag // Deutsche Erstausgabe 2017 // aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer
Seiten 224 // Euro 20,00 // Hardcover

Für das Rezensionsexemplar danken wir:


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