Überschätzt?

Daniel Kehlmann: Tyll & Tom Drury: Grouse County

Hallo, ihr Lieben!
Wenn ich mich nach neuen Büchern umsehe, stöbere ich gerne in Buchhandlungen herum, durchforste die neuen Kataloge der Verlage oder lasse mich von Empfehlungen beraten. Doch jeder kennt es bestimmt, dass Bücher, die groß gefeiert und durchgehend positive Kritik einstreichen konnte, einen um so mehr enttäuschen. Vielleicht liegt es daran, dass man zu erwartungsvoll an die Lektüre herangeht und die so hoch gelobten Dinge um so schneller und härter vermisst. Da jedoch auch diese "Fehlgriffe" zu einem Leben als Bücherwurm dazugehören, möchten wir euch unsere nicht vorenthalten und stellen euch heute zwei unserer "Fehlgriffe" vor, die wir nicht zu Ende gelesen haben. Vielleicht gibt es ja noch ein paar Leser unter euch, die ebenfalls nicht in den Bann gezogen wurden.

Daniel Kehlmann: Tyll
Roman // Rowohlt // 2017
Gebunden // 480 Seiten // 22,95 €


Für die Neuerschaffung des Tylls wurde Daniel Kehlmann nach den Friedrich-Hölderlin-Preis auch der Frank-Schirrmacher-Preis verliehen. Während der Preisverleihung in Berlin hielt Kehlmann einen Dialog mit seiner Hauptfigur. Tyll erzählt von Kehlmanns Angst, nicht mit seinem Buch fertig zu werden. Daraufhin erwidert Kehlmann, dass keiner fertig wird, manche Dinge aber doch. Und dass das ein Geschenk der Kunst sei, dass sie es manchmal erlaube, etwas abzuschliessen.

Dieser Gedankengang hat mir eigentlich von Tyll am besten gefallen. Wobei ich gestehen muss, dass ich das Buch nur bis Seite 183 geschafft habe. Bis zum Ende des ersten Teils, an dem Tyll mit der Bäckerstochter Nele sein Dorf verlässt. Bis dahin sind allerdings schon so viele Grausamkeiten und Gräueltaten geschehen, dass mir die Lust auf mehr vergangen war. Tyll vom Knecht unter das Mühlrad geworfen, eine elende Waldgeburt, bei der Tylls Mutter beinahe jämmerlich verreckt, der Prozeß und die Hinrichtung von Tylls Vater durch die Schergen der Inquisition. Und ganz am Anfang wird mal eben ein ganzes Dorf durch den Dreißigjährigen Krieg verwüstet und abgeschlachtet.

Natürlich war der Dreißigjährige Krieg grausam und die Menschen verlassen, aber Kehlmann beschreibt seine Szenen zu gut, zu gefühllos, lässt keine Hoffnung auf etwas Menschlichkeit aufkommen. Nun geht es im zweiten Teil mit der Suche des berühmten Minnesängers "Martin" von Wolkenstein nach dem berühmten Spaßmacher "Tyll" weiter und vielleicht werde ich es wie Kehlmann, dann doch noch abschließen.

Tom Drury: Grouse Country
Romantrilogie  // Klett-Cotta // 2017
Aus dem Amerikanischen von Gerhard Falkner und Nora Matocza
Gebunden // 795 Seiten // 28,00 



Grouse County wurde vom Boston Globe als das komischste und aktuellste Epos über die amerikanische Demokratie angepriesen. Leider bin ich mit diesem Buch auch nicht fertig geworden und leider es ist auch gar nicht komisch. Drury ist nämlich ein sehr guter Beobachter der amerikanischen Wirklichkeit und auf alle Fälle der, von Grouse County, irgendwo im Mittleren Westen. Der erste Band erschien 1994 und nun liegen alle drei Bände als Sammelband vor.

Und während sich die Bewohner dort bemühen wenigstens ihre kleinen Träume zu verwirklichen, zerbröckelt ihnen langsam alles unter den Händen. Drury zeigt diese Vergeblichkeit eindrucksvoll am Leben der Darlings, des County Sheriffs Dan Norman und an den anderen meist Eigenbrötler oder Exzentrikern. Und auch diese Leben strahlen eine so große Hoffnungslosigkeit und Resignation aus, dass ich das Buch nicht zu Ende lesen konnte.

In ersten Band "Das Ende des Vandalismus" war ich froh, als meine Lieblingsfigur Louise, die sich mit ihrer schwierigen Mutter und einem unberechenbaren Ex-Ehemann rumschlagen muss, endlich mit Dan dem Sheriff zusammenkommt. Nur dann muss ihr gemeinsames Kind kurz nach der Geburt sterben.
Im zweiten Band "Die Traumjäger" steht Louises Ex-Mann Tiny mit seiner neuen Familie im Vordergrund. Tiny scheint es geschafft zu haben und das wünscht man ihm und seiner etwas komischen Frau Joan auch. Aber dann verlässt Joan aus nicht nachvollziehbaren Gründen Tiny, ihren sieben jährigen Sohn Mical und dessen Halbschwester Lyris. Lyris hatte als einst ungewolltes Kind von Joan kein leichtes Leben zwischen wechselnden Pflegeeltern und Heimen. Endlich holt sie Joan zu ihrer neuen Familie, nur um die ganze Familie wieder zu verlassen. Tiny versucht zwar den Rest der Familie zusammenzuhalten, als aber Lyris von einem Mann bedroht und verfolgt in den Wald fliehen muss, reichte es mir mit dem Familiendrama.
Im dritten Band "Pazifik" scheint dann das Leben der älter gewordenen Mical und Lyris im Mittelpunkt zu stehen, wobei ich auch nicht viel Hoffnung für die Beiden habe.


Für die Rezensions-exemplare danken wir: 

Kommentare

  1. Das kann ich sehr gut nachvollziehen, daß es Bücher gibt, die man nicht zu Ende lesen kann. Ich habe schon vor Jahren versucht, Bücher von Heinrich Böll zu lesen, habe aber immer an derselben Stelle (nicht sehr weit hinten) abgebrochen. Ich kann gar nicht mal sagen, warum sie mir nicht gefielen, ob es der Inhalt oder Schreibstil war, sie lagen mir einfach nicht. Trotz Nobelpreis. Liebe Grüße Uschi

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