Direkt zum Hauptbereich

Christoph Hein: Die Verwirrnis

Roman // Suhrkamp // 2018
303 Seiten // 22,00 €




Im Sommer 2017 hatten die Vorleser das Vergnügen, Christoph Hein anläßlich einer Lesung im Kloster Gransee zu treffen. Der Autor erklärte uns, dass er jeden Tag arbeite und schon damals freuten wir uns sehr auf sein neues Buch.

Mit "Verwirrnis" hat er nun ein neues Werk vorgelegt, in dessen Mittelpunkt Friedeward Ringelin steht, im Jahre 1933 im Eichsfeld in einem streng katholischen Umfeld geboren. Friedeward verliebt sich in seinen Klassenkameraden Wolfgang Zernick. Als sein Vater die beiden erwischt, muss Wolfgang die Stadt verlassen. Doch die beiden treffen sich zum Studium in Leipzig wieder. Zur Tarnung ihrer Liaison verlobt sich Wolfgang mit Helga, die er von klein auf kennt. Friedeward trifft Jacqueline, die mit der älteren Dozentin Herlinde liiert ist. Beide verloben sich und heiraten schließlich. Zwar werden homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen in der DDR seit Ende des Jahres 1957 nicht mehr strafrechtlich verfolgt, jedoch fürchten alle vier - Friedeward insbesondere seitens seiner katholischen Familie - weiterhin Diskriminierungen in Gesellschaft und Beruf.

Die große Liebe zu Wolfgang zerbricht, als sich dieser entschließt, seine Organistenausbildung in Westberlin fortzusetzen. Friedeward gelingt eine beachtliche Karriere als Germanist in der DDR. Obwohl er nicht in der Partei ist, wird er im Frühjahr 1980 Inhaber eines Lehrstuhls am Germanistischen Seminar. Der Fall der Mauer wird für ihn zum Verhängnis, ein Stasikontakt wird publik. Friedeward, der weiterhin unter allen Umständen ein öffentliches Bekenntnis zu seiner Homosexualität vermeiden will, begeht Selbstmord.

Erneut beweist Hein, dass es gegenwärtig keinen deutschen Schriftsteller gibt, der Lebensläufe des 20. Jahrhunderts so eindrucksvoll zu schildern vermag. Hein stellt individuelle Schicksale wie das des Nazisohnes Konstantin Boggosch in "Glückskind mit Vater" oder von Frau Paula Rousseau, einer jungen Künstlerin, die vergeblich im Kulturbetrieb der DDR zu bestehen versucht, in dem gleichnamigen Buch in den Mittelpunkt. Gleichzeitig erzählt er aber auch von den großen Ereignissen des letzten Jahrhunderts und macht sie durch die individuellen Schicksale für den Leser faßbar. Hein individualisiert Zeitgeschichte!

Dabei schildert er nicht nur Charaktere wie den unverbesserlichen Nazi in "Glückskind mit Vater", die im öffentlichen Diskurs im Focus stehen. Bleibenden Eindruck hnterläßt in "Verwirrnis" Friedewards erzkatholischer Vater, ein Pädagoge, kein Anhänger der Nazis, aber in der Familie wird bereits seit Generationen die Erziehung mittels Prügelstrafe mit dem gleichen Folterwerkzeug  - einem Siebenstriemer - und Ritual betrieben. Nach der Züchtigung haben die Jungen auf die Frage, wen die Strafe am meisten geschmerzt habe, mit "Dich, lieber Vater, dich" zu antworten. Ein Beispiel autoritärer Erziehung in Deutschland über viele Generationen!

Diese Erziehungsmethode treibt Friedewards Schwester früh in die Ehe mit einem wesentlich älteren Kriegsversehrten - die Ehe ist glücklich, wofür bereits ausreicht, dass der Ehemann das Gegenteil vom Vater ist. Friedewards Bruder flieht bereits mit 16 Jahren aus dem Elternhaus. Er zieht die Arbeit im mörderischen Uranbergbau dem Siebenstriemer vor und verstirbt sehr jung bei einem Bergwerksunglück. Friedeward wird durch den autoritären Vater dazu getrieben, seine Homosexualität zu verheimlichen, dieses Festhalten an der Tarnung führt schließlich zu seinem Tod.

Heins Stil erinnert oftmals eher an einen Bericht denn an eine Erzählung. Gerade durch diesen Erzählstil wird deutlich, dass obwohl die Personen frei erfunden sind - sieht man in "Verwirrnis" einmal von "Goethe-Höchstselbst" ab - mit dem er Hans Mayer, dem bedeutenden Germanisten, der auch homosexuell gewesen ist, ein Denkmal setzt - , er Schicksale des letzten Jahrhunderts schildert, die tatsächlich so verlaufen sind.

Für das Rezensionsexemplar danken wir dem Suhrkamp Verlag

Vorgelesen von 

Ernesto vom Butzelwald






Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Andreas Lehmann: Schwarz auf Weiss

Wieder hat der Karl Rauch Verlag es geschafft mich bereits mit der Cover-Gestaltung zu überzeugen. Ich wünschte alle meine Bücher würden so aussehen! Karl Rauch Verlag // 2021 176 Seiten // 20,00 Euro // Hardcover Als Martin Oppenländer erkennt wie sinnlos und monoton seine Arbeit letztlich ist, will er nicht länger von ihr abhängig sein. Kurzerhand macht er sich selbstständig. Doch die erhoffte Freiheit stellt sich nicht ein als die Welt auf einmal still steht. Da keine Aufträge hereinkommen, bleibt er in der Abhängigkeit, doch dieses mal nicht von einem Arbeitgeber, sondern vom Staat. Sein Leben scheint komplett aus den Fugen geraten zu sein, ohne Alltag mit einem Job, den er nicht ausüben kann. In dieses Chaos hinein erreicht ihn ein Anruf aus der Vergangenheit - von einer Frau, an die er sich nicht mehr erinnern kann. Als Martin ihr dies gesteht, ist sie zunächst nicht sonderlich erbaut darüber. Trotzdem ruft sie wieder an. Und während er versucht ein Bild von dieser Frau zusammen

Nausikaa Lenz: Baro

[Roman] Die Gesellschaft der Unsterblichen wird von einem mysteriösen Gift bedroht. Ein Unsterblicher kann - wie sein Name bereits besagt - nicht sterben, sein Körper erholt sich selbst von tödlichen Verletzungen, so dass er nach kurzer Zeit wieder zum Leben erwacht. Doch das Gift scheint das Blut der Unsterblichen zu verdicken, sodass er praktisch lahmgelegt wird und er sich nicht von Verletzungen erholen kann. Wen könnte der Rat entsenden, um dem Gift auf den Grund zu gehen, wenn nicht Baro, den Dämon? Baro ist älter als die Menschheit selbst und Mitbegründer des Rates der Unsterblichen. Nachdem er von seiner Kontrahentin Serena einen versteckten Hinweis erhalten hat, macht er sich gemeinsam mit seinen Freunden Robert und Dorian auf den Weg zu einer Kirche in Neapel. Doch die drei Unsterblichen reisen nicht alleine nach Rom. Durch unglückliche Zustände begleitet sie Christa, eine Sterbliche.

Dorothée Albers: Nachhall einer kurzen Geschichte

Das Buch hält, was das Cover verspricht. Nachhaltigkeit einer kurzen Geschichte ist ein durch und durch musikalischer Roman. In drei Teile unterteilt, erzählt Dorothée Albers von einer Musikerfamilie.  Roman // Original: Zeemansgraf voor een kort verhaal (2018) Karl Rauch Verlag // 2020 // aus dem Niederländischen von Ulrich Faure 286 Seiten // 22 Seiten // gebunden mit Lesebändchen Beginnend mit Jet, einer Klavierstudentin. Ihre Eltern sind sehr religiös und von ihrem Traum, eine Pianistin zu werden, nicht gerade begeistert. Zu groß ist die Angst vor den schlechten Einflüssen der Musikszene. So erzählt Jet ihren Eltern auch nicht von dem Cellostudenten Zev, dem sie eines Tages vor der Musikschule begegnet. Gemeinsam spielen sie in einem Quartett und nehmen sogar eine Platte auf. Als Jet ungewollt schwanger wird, muss sie bis zur Entbindung in ein Kloster. Sie ignoriert Zeus Briefe und er geht nach Amerika. Jet wird eine gefeierte Pianistin mit Mann und Kind. Während ihre Tochter